drr Stirn, mit dem zweifarbigen Schweife und dem käferähnlichen Knoten unter der Zunge dort verehrt? Wir treten in das ägyptische Heiligthum, das durch einen Zauber auf beis neutralen Boden der Hanna versetzt ist. Da ist wirklich der langgestreckte, riesige, schwarze Stier mit der trotzigen Stirn und den großen, flammenden Augen. Hier sind wirklich die vierzig schwarzen Kühe der Sage; seine Genossinnen wie ihre Dienerinnen fehlen nicht. Wir befinden uns in dem fürst, erzbischöflichen Kuhstalle in Kremsier, der seines Gleichen nicht hat. Wir wundern uns nur, daß die Kühe, deren acht immer von einem hannakischen Mädchen bedient werden, nicht wie die Stuten des seligen Königs von Würtemberg aus mar- morenen Krippen, vor denen Spiegel angebracht sind, speisen. Der Dünger ist mit vieler Sorgfalt aufgehäust; zu beiden Seiten stehen weiße Thürmchen, Fahnen flattern auf der Spitze derselben: das sind die dem Dienste der Göttin Cloaeina gewidmeten Orte. Und nun horch! Die Abendglocke in Krem- fier schallt; der Wind tragt den Klang herüber; die schlanken blonden Mägde eilen mit blankgescheuerten, hölzernen Kübeln und Schemeln herbei, um die Kühe zu melken, dabei singen sie ein slawisches Abendgebet, das sie einstudirt haben müssen, denn es klingt zu harmonisch. Der Abend ist am Horizont in rothem Verlöschen; Alles ruht so friedlich, so still, wie es sich für eine Priesterstadt und ein Heiligthum der sanften Göttin Ceres geziemt.
Ich sah einen Roßmarkt in Kremsier. Vor dem Thore, auf großem, räumigen Platze waren einige Tausend Pferde nett aufgezäumt, mit bunten Bändern, mit Blumensträußchen geputzt, von Malerisch geleiteten Hannaken geritten, deren Stolz es ist, Pferde zu besitzen. Fruchtwagen, mit einer Ladung, die Ein Pferd leicht vorwärts bringen könnte, sind mit vier stattlichen, aufgeputzten Rossen bespannt. Wie der junge Hannake, meist der Sohn des reichen Bauers, selbstbewußt auf den Fruchtsäcken sitzend, die schönen Thiere lenkt! Wie ihm dir Blicke der Hannakinnen folgen I
Ich sah dem Roßhandel vor dem Thore lange zu. Da wurden die Zähne gewiesen, die Beine in Bewegung gesetzt, die Taille, die Brust, der Kopf der Thiere bewundert oder geschmäht, bis der Handel abgeschlossen war. Mich int-resstrte dabei eine kleine Horde Zigeuner, Männer, Weiber, Kinder. Zerzauste, krause Haare, abenteuerlich braune Farbe, funkelnde Augen, uach Jahrtausenden noch so geformt wie die ihrer Urahnen in Indien. Schlosier, Musiker und Roßhändler waren da beisammen. Auf einem schlanken Schimmel, von dem alle Anwesenden annahmcu, daß er doch wohl nur von einer Pußta gestohlen sei, ritt ein kleiner Junge; barfuß lenkte er das Pferd besser als mit Sporen und führte Hundert lustig erschreckende Streiche aus. Die Weiber bettelten in slawischer Sprache. Eine kam auf mich zu nnd redete mich mit den
Worten: „Czerweni pane!" an, was „rother Herr" bedeutet, womit sie mir im Gegensatz zu ihrer Wangenbrannheit ein Kompliment machen wollte. Sie betonte die erste Silbe deS „Czerweni", als wäre es mit wenigstens zwanzig r geschrieben und als ich ihr eine kleine Geldmünze gegeben hatte, wußte sie ihren Dank nicht schöner als mit dem Wunsche auSzu- drücken: „Gott wird Euern Kindern schöne weiße Zähne, weiß wie Kirschenblüthe, geben!"
Es hatte sich eine große Anzahl von Menschen um die Zigeuner versammelt und betrachtete sie mit scheuer Neugier. Einzelne sagten ihnen wohl auch, was sich selten ein Manu sagen läßt, ohne die Faust zu ballen; sie nahmen aber daS so hin aus alter Gewohnheit, wie es schien. Da trat ein Bauer hinzu — es war kein hannakischer — und wehrte mit entschiedenen Worten der leichtsinnigen, beleidigenden Umgebung: Habt Achtung vor diesen Männern und Weibern, sie sind so wie ihr constitutionelle freie Bürger!" Die Hannaken rissen über diese neue Mârzentdeckung den Mund ans nnd gingen verdutzt auseinander. (Schluß folgt.)
♦ Lhcatcr 3« WieebaUcw XVIII.
Ueber den Werth 6er historischen Dramen Raupa ch'S hat die Kritik seit Decennien schon ihr letztes Urtheil gesprochen und Immermann's Isidor Hirsewenzel, der von der Natur zum Lederfabricanten bestimmt, trotz seiner verfehlten Richtung aber als dramarischer Dichter stets seinem natürlichen Berufe treu geblieben, war schon bei lebendem Leibe halbbegraben — ein Spiegelbild seines eigenen Königs Enzio. Nur von Zeit zu Zeit nahm eine oder bii andere ^>ühne du Gelegenheit beim Schopf und zog an der verhângnißvollen Locke eines seiner Dramen auS dem anticipando bezogenen Sarg. Nun ist König Enzio wirklich zu Grabe getragen, der ganze HohenstauffencycluS zählt zu den Todten oder zu den eisernen Kühen der Leihbibliotheken. Raup a ch'S Dramen haben jetzt, was sie früher nie hatten, ein Interesse, natürlich nur ein kunsthistorisches. Gerechte Verwunderung mußte es erregen, daß es einem dieser Trauerspiele vergönnt war, an unserer Bühne eine Art Wiederauferstehung zu feiern, und das Publicum durch galvanische Zuckungen in Erstaunen zu versetzen. Historische Dramen bieten kein Interesse, sie haben so wenig, was dem Gefühle Aller ent- , spricht, so wenig, was ein menschlich Rühren hervorruft. WaS kümmert den Zuschauer die Krone beider Sicilien? Was ist ihm Hekuba? In „Heinrich VI.", von diesem ist die Rede, tritt zwar die Herrschsucht der Wittwe Taucred'S vor dem Schmerz der Mutter in den Hintergrund, in dem gräßlichen Geschick deS SohneS liegt aber kein tragisches Moment. Der Held deS StückeS schnaubt Wuth und kocht Rache in gereimter und ungereimter Rede, bis er der Zeit, der späten Abendstunde, zum Opfer fällt und so schnell als möglich abgethan wird. Von den übrigen Personen ermannt sich vom Bellen keine zum Beißen, von wüthenden Redensarten keine zum Handeln. Der innere Werth deS Drama'S war also kein genügender Grund seiner Wiederaufführung. War eS der Umstand, daß Raupach's so historisch