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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Kr. G3 ' Dnn«crNa,z den 16 411 ärj is.ii.

Alte Geschichten. *)

Erzählungen eines alten 8 i e r I e r S.

WaS man vordem erleben konnte.

Voriges Iadr seih ibr Dabei gewesen, als Der Alte hie ®efd)id):e vom wilden Haus erzählte, wie er beinahe mit die­sem den Tod gefunden und mit dem lahmen Beine davon gekommen. Aber da wo er dieß preisgab, sind wir jetzt nicht, nicht im allen, mau möchte sagen im grauen Dorf an der öden, sandigen Sl>»ße, nicht im verräucherten Wirthshaus am schmutzigen Tsich, und auch nicht am belieben verdrieß liebeII Herbstuachmittag, wo nur Rege« und Wind daran Ver­gnügen Huben, munter im Gauge zu sein. Bon dem allen ist es j ^t fernab. Die Psingstzeit ist da. wo alles treibt und lebt und ginnt , das Törtchen hier liegt nicht in Sand und Staub, sondern im üppigen/ reich,« Lande, wo die Wald- krönen rauschen und die SeewUlen kühl und frisch zum Strande rollen. Die Häuser schauen nicht jo kahl und glatt mit ihren wink (rechten Mauern und steinernen Dächern Drein, sie liegen friedlich und heimlich, niedrig und ruhig, kreuz und quer im vollen G ün, im Blühen und im Duft ihrer Gär^ ten, wo Die schwarzen Dächer kaum durch das Gezweig zu erschauen sind und der Storch aus der First eine lustige reiche grüne Blätterdecke über seinem Nest hat. Und am Kruge dort ist ein frischer üppiger Rasenplatz, von einer alten, mächtigen Lnde beschattet, wo es sich hübsch kommode nach alter guter Weise plaudern und spielen, hinten und tau zen läßt.

3' pt, da ihr mit mir darauf binschant, tanzen die Jungen auch, die Alten plaudern und trinken, die Kinder schießen um« her und lärmen, daß es eine Art hat, der Krüger und die Krügerfrau mit ihren Dienstleuten laufen ab und zu in lusti­ger Aufmerksamkeit auf die Wünsche ihrer vielen Gäste. Und mitten zwuchen den Alten unter der Linde neben einer umge. stürzten Tonne, auf d,r fein Getränk steht, sitzt der alte Fiedler auf einem mächtigen Block und schickt die lustigen

j Sre^e Nr. 37 vom Jahr 1853.

Weisen seines Instruments in die milde, duftige, dämmerige Abrukluft hinaus. Ihr seht wobl, das ist weitab vom wüsten Büdner Dorf, wo ibr ihn das erstemal getroffen. @d ist auch nicht einmal ein Festlag und zu dem Tanz hier bat man sich nicht ein lange und gemächlich vorbereitet und gefreut, keine Baude Musikanten dazu geworben. Allein kam der Alte daher. allein strich er seine G.ige, daß sie lockend nach und nach daS ganze Dorf zusammengebrackt und plötzlich die Lust entzündet in diesen bedächtigen Herzen und gemächlichen Füßen.

Der alte Fiedler ist trotz seines lahmen BeinS fix zu Fuß und streift weit im Laude umher, überall bekannt und beliebt; seine Geige hat einen ungemeinen Ruf in den Dörfern, wie selbst die der Staktpfeifer nicht. Es gilt ihnen kein Fest, bei dem er nicht vorausitzt. und manche altertbümliche W-ise und manchen alten guten Tanz kann niemand spielen, al» er allein. Ueberdieß paßt er auch zu den Leuten in seiner offenen, bar­schen, oft bethen Weise ; denn nur die hat er und eigentlich nicht die Wildheit und Härte, die ibr das erstemal zufällig an ihm gesehen und gehört. Lustig ist er nie, er ist zu alt dazu, aber er hindert keine Lust; bequem und hie und da ein wenig grämlich geht er unter den andern einher, eine Eisen­natur von vordem, die man noch nie und unter keinen Ums .dttl unterliegen sah. So bleibt er auch stets, wenn ihr nur die menschlichen und natürlichen Wege mit ihm gebt; wenn ihm aber der Unverstand entgegen tritt oder Die Narr­heit, wenn die Rohheit sich an ihm reiben will oder jemand seine alte feste Art nicht respeetirt, da mag man sich in Acht nehmen, da tritt der alte wilde Seemann blitzgleich wieder hervor mit Härte und Ungeduld, mit Jähzorn und scharfem Hohn, mit brausendem Grimm und tollkühner Furchtlosigkeit, und die dunkeln Augen drohen und blitzen dann noch jetzt mit einer so düstern Gluth, daß manchem handfesten Mann davor unheimlich zu Muth werden kann.

Rauh ist er freilich immerdar, Weichheit und Zartheit muß man nie und nirgends bei ihm suchen, auf ein berbes spöllische- Wort keine Rücksicht nehme«, an die wmde, stetsten, oft ungeheuerlichsten Flüche sich nicht kehren. Das ist nur