Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
»r. 62 Vicnstag den 14 März /sm.
Herr Mastl und seine Kinder.
Skizze aus dem bay erische n Allt a g sleben von I. S.
(Fortsetzung.)
Zwei Jahre waren seit ihrer Ankunft im Andre'schen Hause verstrichen. Ihr kleiner Ferdinand wuchs heran zum muntern Jungen; er erhielt in der Dorfschule seinen ersten Unterricht. Cenci war wie das Kind vom Hause geworden, und einen gewichtigen Stein hatte sich bei Herrn Andre in's Brett gesetzt, als sie während eines halben Jahres die Frau Nanni in einer schweren Krankheit treu pflegte. Sie waren sich gegenseitig unentbehrlich geworden, und wenn manchmal Cenci mit Unruhe von der Zukunft sprach, die sie zu erwarten hatte, im Falle ihre Wohlthäter sterben würden, so nannte sie der gutmüthige Andre seine sorgsame Martha, und ermunterte sie, getrost zu sein und die Sorge für die Zukunft ihm zu überlassen.
Eines Abends saßen die Drei beisammen im warmen Stübchen; der Tisch war zum Kachelofen hingerückt, und der Hausvater saß auf der Ofenbank, in bequemen Pantoffeln und die geliebte Zipfelhaube auf dem Kopfe; neben ihm saß seine Frau und ihm gegenüber Cenci, die emsig strickte. Das Oellicht verbreitete einen schwachen Schein in der Stube; draußen sauste der Wind und trieb im Wirbeltanze die Schneeflocken umher. Da schlug der Haushund an.
„Geh'Cenci! schau' doch hinaus, wer da ist", sagte Andre. Er sprach sie lange schon mit dem traulichen Du an und sagte wohl scherzweise: „Seine Kinder redet man mit Du an, und Du bist jetzt mein Kind." Cenci stand sogleich auf und schaute hinaus, kehrte aber gleich wieder fröstelnd zurück. „Ich habe Niemand gesehen", sprach sie, wahrscheinlich hat sich irgend ein Gegenstand durch den Wind bewegt und deßwegen der Hund gebellt. Es ist ein abscheuliches Wetter; der Schnee fällt dicht, und es ist so finster, daß man kaum drei Schritte vor sich sehen kann."
„Du lieber Gott", sagte hierauf mitleidig Frau Nanni, '
„die armen Reisenden, die bei einem solchen Wetter im Freien sich befinden! Jst's doch ein gutes Ding um ein warmes Stübchen; Gott sei Dank, daß wir ein solches haben."
Der Hund bellte wieder und nun pochte es wirklich an der Thüre. Cenci öffnete den Laden und fragte aus dem Fenster, wer da sei. Eine starke männliche Stimme begehrte Einlaß.
„Die Stimme ist mir bekannt", sagte aufmerksam horchend Andre, und befahl, zu öffnen.
Eine wohlbeleibte Gestalt trat herein, in einen viel- kragigen Mantel gehüllt, eine breite Schirmhaube mit Quaste auf dun Kopf, unter der ein frisches Gesicht, in dem die Augen vor Fülle der Wangen kaum Platz fanden, hervorschaute.
„Grüß Gott, Herr Vetter und Frau Base", sprach der Eintretende. Er warf seinen Mantel über den Stuhl und erschien nun in einem blaugrauen Rock mit silbernen Knöpfen und einer Hose von gleichem Tuche; um den dicken Bauch wand sich ein breiter lederner Gurt mit Pfauenfedernähten auSgeschmückt.
„Ja, was wär' denn daS?" rief staunend Frau Nanni, indem sie Andre gar nicht zu Worte kommen ließ. „Bei dem Wetter? und so spät kommen noch der Herr Vetter? Nun, das ist einmal schön! Geh', Cenci, und richte etwa» WarmeS zurecht, denn der Herr Vetter muß etwas essen. Trag' auch ein paar Bouteillen Bier vom Keller herauf. So, Herr Vetter, jetzt machen Sie es Sich bequem; heut' müssen'» bei uns bleiben , wir lasten Sie nicht fort. Sie find ein so seltener Gast, 's wär' abscheulich, wenn Sie uns heut' noch die Ruh' aus dem Hause tragen wollten."
„No, Leutle," sagte der Ankömmling, sich recht behaglich auf einem großen gepolsterten, lederüberzogenen Stuhl niederlastend, „es freut mich, daß ich Euch alle so gesund beisammen treffe. Jst'S doch schon über ein halbes Jahr, daß ich nicht mehr da war; damals war die Frau Base gefährlich trank, und in solcher Zeit kann sich viel ändern."
„Hab'n recht, Herr Vetter", erwiderte Andre. „Ich hoffe, daß auch bei Ihnen Alle» wohlauf ist. Was gibt's Neues?