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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassanèfchen Allgemeinen Zeitung.

Sr. 61

Montag den 13. März

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Herr Wußt und seine Kinder.

Skizze aus dem bayerische« Alltagsleben von J. S.

(Fortsetzung.)

Lange unterhielten sich aus diese Weise die beiden Ebcgat- ten. Als sie aufstanden, um in's Haus zu gehen, erblickten sie eine Frau, die einen Knaben von 4 bis 5 Jahren an der Hand führte. Die Fremde fragte nach Herrn Andre, und überreichte ihm einen Brief. Die junge Frau trug unver­kennbare Spuren erst jüngst verblühter Schönheit; ihre Züge zeugten von stillem Leiden. Aufmerksam betrachtete sie Herr Andre; er war überzeugt, sie schon gesehen zu haben, und suchte in der Erinnerung, wo und wann es gewesen. Seiner Frau ging es ebenso.

Höflich ersuchte Andre die Fremde, sich niederzusetzen, bis er den Brief gelesen habe, oder so lange in den Garten zu gehen. Schüchtern ließ sich die Frau in einiger Entfernung auf eine Bank nieder; sie getraute sich kaum, die Augen aus­zuschlagen, und mit Feuerröthe färbte sich ihr Antlitz. Auch sie hatte das Ehepaar erkannt, und ach, dieses Erkennen war für sie ein schmerzliches; sie gedachte der Härte, die gegen diese Leute begangen war. Lange mühten sich Andre und Nanni, den langen Brief zu enträthseln, da beide keine Helden im Lesen waren. Derselbe kam von eben dem Pfarrer, von dem sie gesprochen, und der die Ueberbringerin ihrem Schutze empfahl.

Du mein lieber Gott!" seufzte Andre,wie ändern sich die Schicksale der Menschen! wer hätte es gedacht, daß die hochmüthige Cenci Wastl bei uns Schutz suchen würde, bei uns, die ihr Vater zu Grunde gerichtet hat? Ja, so rächt sich seine Härte gegen uns an seinen Kindern."

Na," fiel Nanni ein,jetzt soll sie fühlen, wie es thut, wenn man nicht weiß, wo man sein Haupt zur Ruhe legen kann. Jetzt soll sie es fühlen, diese hochmüthige Cenci! Wie oft schlug sie mir die Thüre vor der Nase zu, wenn ich zu ihrem Vater kam und ihn um sein Wuchergeld bat."

Nanni," erwiederte Andre mit Ernst,wo bliebe unsere Religion, wenn wir Rache üben wollten? Schau! vor einer Stunde klagten wir, daß uns der Himmel keine Gelegenheit gebe, uns dankbar zu beweisen, und jetzt, wo er uns eine so schöne Gelegenheit darbietet, sollten wir dieselbe von uns wei­sen? Weißt Du, was das Evangelium sagt?Liebet eure Feinde, thut Gutes denen, die euch hassen, segnet die euch fluchen, und betet für diejenigen, welche euch verfolgen." Es ist zwar schwer, Denen Gutes zu thun, die uns so wehe ge­than haben; aber wenn wir's Gott zu Liebe thun, dann wird eS leicht. Du lieber Gott, sieh' die arme Cenci, wie sie da auf der Bank sitzt! Sie wird genug haben leiden müssen, seit sie zur Einsicht gekommen ist. Es wäre grausam, wenn wir ihr Vorwürfe machte». Denk' nur zurück, Nanni, wie es uns wehe gethan hat, als wir von der Braustelle abziehen mußten, so ist es heul' der Cenci auch ergangen. D'rum, Nanni, sei freundlich gegen sie. In Gottes Namen wollen wir dem Wunsche des Herrn Pfarrers nachkommen, und sie bei uns aufnehmen. Wer weiß, warum der liebe Himmel sie uns geschickt hat? Laß uns sie willkommen heißen!" Die gutmüthige Frau war bald besänftigt und willigte ein.

Grüß Gott, Frau Cenci! kommen's nur mit unS, es wird schon alles recht werden," sprach Andre und gab ihr kräftig die Hand.Schauen's, der Herr Pfarrer hat uns Alles ge­schrieben; Sie bleiben jetzt bei uns. Geh, Nanni, weis' der Frau ein paar Zimmern an! Sie sind halt klein; Sie wis­sen's schon, bei den Bauern hat man keine größere. Und richt' bald das Nachtessen, der Kleine wird Hunger haben. Was macht der Herr Pfarrer? Ist er wohl auf? Geltens, das ist ein lieber, freundlicher Mann? Wenn ich ihn doch ein Mal wiedersehen könnte! Wenn die Frau Cenci sich ein­mal im Haus auskennt, dann muß sie auf ein paar Tag' das Regiment übernehmen und wir reisen zum Herrn Pfarrer." So plauderte noch lange Herr Andre, bis er endlich die Schüchternheit der von dieser Güte ganz beschämten Frau hinweggeplaudert hatte.

Auch Nanni war die Freundlichkeit selbst; ihr gefiel beson­ders der kleine Knabe, der sich, als ob er ahne, was die alte