Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Massanèschen Allgemeinen Zeitung.
Mir. 60,
Samstag den 11. März
/SM.
Herr Wollt und seine Kinder.
Skizze aus dem bayerischen Alltagsleben von I. S.
(Fortsetzung.)
Schweigend erhob sich der Priester und blickte lange auf das verzerrte Antlitz der Leiche. Er erhob das Auge zum Himmel; in seinen greisen Wimperm standen Thränen und ein tiefer Seufzer entwand sich seiner Brust. „Vater," sprach er leise, „vergib ihm und laß Deine Barmherzigkeit über ihn walten." Als cs dunkel geworden war, bewegte sich ein trauriger Zug von dannen zum Friedhofe hin, wo der Leichnam in der Frühe deS anderen Tages stille begraben werden sollte. Der einzelne Wanderer, der verspätet dem Marktflecken zueilte, sang, an dem Hause der Baronin vorüberschreitend, munter sein Liedchen, nicht ahnend, welche Leiben ihre Stätte unter diesem Dache hatten. Lange, nachdem die Leiche des Barons in einer Ecke des Kirchhofes ruhte, begann allmälig wieder Ruhe in das Gemüth der Baronin einzuziehen. Sie hatte sich nur langsam von dem Eindrücke deS grauenhaften Anblicks erholt. Sie berieth nun ernstlich mit dem Pfarrer, wie sie eS anstellen sollte, ihre Lage zu erleichtern, da gleichzeitig mit dem Tode des Gemahls auch eine Kündigung der Schuld von Seite des Gläubigers eingetroffen war. Es blieb kein anderes Mittel, als daS Gut zu verkaufen, um so mehr, da sich noch andere geheime Schulden deS Barons entdeckten. Aber eS fand sich keine gute Gelegenheit, und so kam man mit Demjenigen, der die Schuldforderung von L. gekauft hatte, überein, daß er, unter Herauszahlung einer gewissen Summe das Gut übernehmen sollte, was auch alsbald geschah. Bei der Uebernahme fand sich auch L. wieder ein, der diesmal die Frau Baronin, die er als Cenci Wastl so geschmeichelt hatte, mit vornehmer Geringschätzung behandelte. Auf ihre Fragen um das Thun und Treiben ihres Bruders gab er ihr kurz zur Antwort, daß sich dieser gänzlich von ihr loSgesagt und sie von ihm nichts zu erwarten habe.
Cenci verließ ihr Besitzthum, von aller Pracht und Herrlichkeit nichts mitnehmend, als einige ihr durch's Andenken theuer gewordene Gegenstände, und die paar hundert Gulden, welche ihr nach Abzahlung der Schulden ihres Mannes übrig geblieben waren. Sie bezog mit ihrem Kinde ein kleines Zimmerchen im Marktflecken, das ihr der gute Pfarrer besorgt hatte, wo sie beständig blieb, ohne auszugehen. WaS wollte sie auch unter den Leuten? Diese kannten sie als verarmte Baronin, und die Frau Affefforin, oder die Frau Gerichtshalterin, die Bürgermeisterin wie ihr Gemahl der Bürgermeister, die sonst so gerne bei ihren Festen waren, grüßten sie kaum mehr, — eS war mit dem Gelde auch der erheirathete Titel zu Grunde gegangen. Wie wenige gibt eS unter den Menschen, die dem Unglücke die gebührende Achtung erweisen, oder die Zartheit verstehen, die bei einem Unglücklichen mehr als wie bei Glücklichen beobachtet werden muß! — Cenci hatte keinen Freund außer dem treuen Pfarrer, den sie in glücklichen Tagen nie unter die Zahl ihrer Freunde gerechnet hatte. Aber im Unglücke war er als treuer Freund ausgetreten. Mit dem letzten Thaler hatte sie auch den letzten Verwandte» verloren; Peppi hatte ihr geschrieben, mit einem Bettelweibe, das nicht zu Hausen verstehe, wolle er nichts zu thun haben.
Die jetzige Lage war ihr unerträglich. — Es ist mit dem Reichthum wie mit dem Sehen; der, welcher hoffnungslos blind geboren, nie die Himmelslust genoß, das freundliche Sonnenlicht zu erblicken, nie die bunte Pracht der Farbentöne erkannte, der ist auch mit dem unendlichen Sehnen nach dem Hellen Strahle und dem verlorenen Lichte verschont, das den erst im Laufe deS Lebens blind Gewordenen mit ver
zehrender Gewalt ergreift; und so fühlt auch der arm Geborene nie die irdische Lust des Reichseins und trägt nicht den bitteren Schmerz deS Verlustes mit sich, wie ihn der in sich fühlt, der einmal reich gewesen und später verarmt ist. Selten, ja nur in außerordentlichen Fällen, kommt es vor, daß der Mensch sich der zeitlichen Güter auS Liebe zu den ewigen entledigen kann und daß er die Hand küßt, die sie ' ihm entzieht, dankend für die Rettung aus den Gefahren des