Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
^r. 39,
Freitag dc« 10. März
185.4.
Herr Wn SU und seine Kinder.
Skizze aus dem bayerischen Alltagsleben von J. S.
(Fortsetzung.)
Zitternd an allen Gliedern schaute die Baronin zu dem Gemahl auf, als sie diesen unerwarteten Befehl vernahm, dem sie nicht willfahren konnte, da sie keinen Nothpfeniuz zurückbehalten hatte. Schüchtern verneinte sie, etwas zu haben; drohender wurde der Befehl wiederholt und mit beißendem Spott von dem zornigen Manne begleitet, der sich seiner Rohheit selbst vor dem Priester nicht schämte, der noch schweigender Zuschauer bleiben mußte. Geduldig ertrug alles dieses die Frau; die Lehren des Geistlichen hatten sie duldsamer gemacht. Als aber der Baron zuletzt ihre verstorbenen Eltern mit Schmach bedecken wollte, als er ihr selbst eine Stunde vorwarf, damals bei der Partie am Ammersee, wo er das arme Mädchen mit teuflischer List berückt hatte, und sie mit den gemeinsten Ramen beschimpfte, da kochte das Blut in ihren Adern, das Auge funkelte und der ganze Körper erbebte vor Zorn. Sie riß sich los von dem Geistlichen, der sie zurückzuhalten versuchte, und stürzte auf ihren Mann zu, der scheu einen Augenblick zurückwich. Hoch aufgerichtet stand sie vor ihm, ihr Blick bohrte sich in den seinigeu, und aus ihrem Munde erscholl ein gottloser, gräßlicher Fluch. Und als der Fluch in den Ohren des Gatten wiedertönte, da weckte er in seiner Brust höllischen Groll; mit einem Ruck lag das Feuerrohr an seiner Wange, der Hahn knackte, — Knall und die Frau lag am Boden.--Der Verbrecher stürzte hinauf in'S Zimmer seiner Frau, erbrach schnell ihre Commode, nahm den werthwollen Schmuck und eilte hinaus in's Weite.
Langsam erwachte die Baronin von dem Schreck, der sie zu Boden geworfen, denn der gute Priester hatte noch zur rechten Zeit dem Laufe des Gewehrs eine andere Richtung gegeben. Als sie die Augen aufschlug, sah sie sich in den ( Armen ihres weinenden Kindes und der Köchin. Nicht lange ’
währte es, da erschien der Pfarrer mit dein Arzte, der durchaus keine Verletzung auffand und der Baronin nichts als Ruhe anempfohl. Während der wenigen Tage ihres Unwohlseins besuchte sie täglich der ehrwürdige geistliche Freund. Er konnte nur nicht mehr die schreckliche Kluft verbergen, die sich zwischen den beiden aufgethan hatte. Die Gefahr für's eigene Leben bei der Baronin machte Trennung nothwendig. Die Trennungsklage wurde eingereicht, und unter diesen Umständen blieb die Bewilligung nicht lange aus, indem vorauszusetzen war, daß der Baron wohl nie mehr zurückkehren werde, da der Mordversuch und der Raub selbst für den niedrigsten Character eine Heimkehr wohl fast unmöglich gemacht hatten.
Eines Tages, als die Baronin von der langen Krankheit die der Schreck ihr zugrzogen hatte, wieder hergestellt war, saß sie auf einem Stuhle vor der Thüre des Hauses, wo man eine herrliche Aussicht genoß. Die Schatten des nahgelegenen Wäldchens wurden länger auf der sonnenbeleuchteten Wiese, die sich die Anhöhe hinanzog. Von der Pfarrkirche des Marktes läutete die Vesperglocke, da es gerade Samstag war, und die heimkehrenden Feldarbeiter grüßten freundlich die junge Frau. Sie dankte eben 'so freundlich, denn die Ermahnungen des Pfarrers und das eigene Unglück hatten ihr Hochmuth und Stolz ganz benommen. Sie blickte öfters den Fußpfad entlang, der vom Markte zu ihrem Besitzthume führte, indem sie die Ankunft des Pfarrers erwartete. Die Sonne verbarg sich hinter den Wipfeln des Waldes; es war eine tiefe Stille, nur dann und wann durch das Gezwitscher eines Vogels oder das heisere Geschrei eines ausfliegenden Raben und durch das Rauschen des nahen Flusses unterbrochen. Zu den Füßen der Baronin spielte der Knabe, jetzt viel ordentlicher, netter und reinlicher gekleidet als sonst, was auch eine Wirkung des guten Einflusses war, den der Pfarrer erlangt hatte. Cenci seufzte manchmal lief auf. In ihrer Brust wogte eine Fluth von Gefühlen. Die Scene im Garten konnte sie nicht aus der Erinnerung bringen; sie bereute ihre Heftigkeit, welche Veranlassung zu der fürchterlichen That des Barons gegeben hatte. Bei dem Bewußtsein, nun aus immer von ihrem Manne ge-