alten Hörigkeit, und, wenn wir den stets wahrhaften Berichten Petersburger Blätter trauen dürfen, so ist Niemand auf Erden glücklicher, als der Leibeigene in Rußland. Selbst die Parias unserer Gesellschaft — die Dienstboten und niederen Arbeiter, haben sreies Selbstverfügungsrecht, das freilich ziemlich gleichbedeutend ist mit dem Zwange der Verdingungs- Pflicht.
Die concessionirten Vermiethungs - Bureau's und die Jn- seraten-Halle der Zeitungen sind die offenen Marktplätze, wo unsere Pflanzer, Libertins und Freiherren sich mit Sclaven und Sclavinnen nach Belieben versehen. Die Intelligenz gibt, der geistigen Bildung unseres Jahrhunderts entsprechend, die Rangstufe der Miethlinge an, und es stehen daher zu oberst: die Hauslehrer und Gouvernanten, die Wirthschafts-Jnspectoren, dann erst kommen Jäger, Bediente, Kutscher, Kammermädchen, Ammen und andere Dienstboten.
Betrachten wir zuvörderst die erste Person des Gesinde- Vermiethungs-Bureau's — den Hauslehrer.
„Gegen freie Station und 100 Thlr. Gehalt wird ein Kandidat der Theologie oder Philologie mit tüchtigen Kenntnissen, der französich sprechen und den Unterricht in der Musik ertheilen kann, bei vier Kindern gesucht. Konservative Bewerber von streng orthodoxer Richtung, mit ausgezeichneten Attesten versehen, aber nur solche, können sich melden u. s. w."
Sobald diese Anzeige in den Zeitungen, oder am schwarzen Brett der Universität, das von fadenscheinigen Kandidaten umlagert ist, erlassen wird, strömt das theologische Proletariat zu dem Agenten der Plantage, die zumeist fern von der Residenz, von der Verbindung mit höheren Schulanstalten abgeschnitten, in einem stillen Winkel des Königreichs gelegen ist.
Der Glückliche, dem durch Testat seines Decans der Besitz einer frommen und patriotischen Gesinnung bescheinigt, der nebenbei noch ein paar Thaler übrig hat, um den unbestechlichen Agenten zu gewinnen, reist nun, sobald er engagirt nach dem Orte seiner Bestimmung ab. Ein Feldzug führt ihn von der letzten Poststation in eine einsame Gegend, und während er noch über die Anrede nachdenkt, mit der er den gnädigen Herrn und die Zöglinge begrüßen will, steht vor ihm das massive Schloß, vornehm über die Strohdächer des Dörfchens herrschend — er ist da! Sorgfältig bürstet er seinen Hut, stäubt den Rock ab, schnürt sein Bündel, das außer einigen Hemden .und Chemisetts den sogenannten Lehr-Apparat enthält, steigt vom Wagen, und tritt mit zitterndem Herzen an die Pforte des Gutshofes. Unterwegs hat er sich schon nach seiner Herrschaft erkundigt ent) von ihr Dies und Jenes erfahren , was seinen Blick <n die nächste Zukunft etwas trübt.
Ein Bedienter in verschossener Livree öffnet ihm die Pforte/ prüft sein Begehr, mustert seinen Anzug und geleitet ihn nach dem obersten Stockwerke des Schlosses in ein friedliches Kämmerlein. „Hier ist Ihre Wohnung, Herr Hauslehrer! Die gnädige Herrschaft ist jetzt nicht zu sprechen." Der junge Mann hat nun Zeit, vielleicht die letzte, um seine Lage gründlich zu erwägen; in der nächsten Stunde beginnt schon die Zuchtarbeit an den Sprossen des alten Stammes. Wie Vieles mag da durch den Kopf eines solchen Kandidaten gehen! Er weiß es ja durch Berichte seiner Freunde, daß es im Wesentlichen zwei Arten von Hauslehrerstellen giebt.
Entweder wird er zu dem Gesinde gezählt, oder als letzter Tischgenosse der Herrschaft zugelassen werden. Entweder wird er verzichten müssen auf jeden andern Genuß, alö den eines frugalen Mittagsbrotes, oder er wird gezwungen, mit dem Herrn um die Wette zu trinken, mit der gnädigen Frau zu tanzen, mit den gnädigen Frauen Tanten Whist zu spielen, mit den Großen benachbarter Höfe zum allgemeinen Ergötzen zu jagen, endlich eine Pfarre zu bekommen und dafür die . Kammerjungfer der gnädigen Herrschaft zu heirathen.
Kein Wunder also, wenn er, vom Fenster seiner Zelle aus, neugierig nach der Zofe und dann erst nach den Knaben blickt, die sich unten im Garten balgen und die ihm zu beweisen scheinen, daß sie, als zu den ersten Rangen der Gesellschaft gehörig, erzogen werden wollen. Denn, gleichviel in welche beiden Kategorien seine Stelle gehören wird — die Zofe ist ihn für das wichtigste Wesen in seiner Einsamkeit: mit ihr wird er allein zurückbleiben, wenn die Herrschaft in die Nachbarschaft fährt, durch sie wird er auf die Madame wirken, wenn der Herr etwas gegen ihn haben sollte, mit ihr wird er, falls die Herrschaft im Sommer verreist, traulich den Platz im Kutschenkasten theilen müssen! Von ihr kann er am besten erfahren, wie er sich zu verhalten und was er zu erwarten habe. Und dann — man kann ja nicht wissen — vielleicht — es gibt im Leben jedes Menschen Augenblicke, in denen er sentimental wird und sich aussprechen muß — nun ein Kammermädchen ist auch ein denkendes Wesen — auch ein Kandidat der Theologie hat Gefühl. (Forts, folgt.)
Ätbum, Bibliothek deutscher Grègmalrornane, herausgegeben von J. L. Kober.*)
Die „Deutsche Bibliothek", ein Unternehmen durch welches sich der Herausgeber Otto Müller und die Verleger, die Mei- dinger'sche Handlung in Frankfurt, ein großes Verdienst um die Romandichtung erwerben, steht mit seinem Stäben nach P opularisirung des deutschen Romans durch wohlfeile Preise
*) Hier vorrèithig bei W. Roth.