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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Nr. 33.

/rcitag dea 3, März

/SM

Herr Wallt und seine Kinder.

Skizze aus dem bayerischen Alltagsleben von I. S.

(Fortsetzung.)

Der Sommer nahte seinem Ende und schon wetzten die Schnitter die Sicheln zur Ernte, als das neue Haus, welches die Stelle des alten Brauhauses des Herrn Andre einnahm, so weit vollendet war, daß zum frohen Zeichen ein junger Föhrenbaum die Firste zierte. Er prangte mit weißblauen Fähnlein und einem Schilde, worauf in goldenen Buchstaben die Namen des Bauherrn und des Baumeisters zu lesen wa« een. Hinter dem Baume ragte eine hohe blauweiße Fahne in die laue Sommerlust hinaus. Die Parliere fluchten und schimpften ärger als je, um die Maurer und Zimmerleute zur Beendigung der letzten Alberten anzutreiben. In den untern Räumen des Neubaues bewegten sich schon die Familie Wastl und O., des kommenden HcbeinS wartend. Nun riefen die lärmenden Maurerbuben ihr:Schieb oh!" Der Maurer­meister stieg hinab zu der muntern Gesellschaft; zwischen den Dachsparren reiheten sich die Zimmerleute und Maurer. Ein Faß Bier spendete seinen labenden Inhalt; die steinernen Krüge machten die Runde, und unten an der Mauertreppe ertönte laute Musik. Die Trompeter eines Reiterregiments stiegen zuerst die Leistentreppe hinan ; ihnen folgten der Maurermeister smil Herrn Wastl und Peppi, die O.'sche Fa» milie mit den andern geladenen Gästen. Auf der Gasse hatte sich eine Masse Neugieriger gesammelt und stimmte ein in die lauten Vivats, welche die Gesellen, die steinernen Krüge er» hebend, dem Bauherrn und seiner Familie brachten, als diese oben angelangt waren. Die Trompeter bliesen Fanfaren darein. Wastl und Peppi, an ihrer Seite L., der hier nicht fehlen durfte, sahen mit verächtlichem Blicke hinab aus die gaffende Menge, in dem wonnigen Bewußtsein, um ein so schönes Besitztum beneidet zu werden. Lauter und gellender wurden die Vivats, als die Arbeiter vom schnellen Trinken nach und nach angegriffen wurden. Endlich, als der Bauherr

mit seiner Begleitung sich entfernt hatte, zogen sie ins Wirths­haus, um von dem reichen Geschenke des Bauherr» den Hebein zu feiern, brs die Trunkenheit ein Ende machte. Wastl theilte den Geschmack seiner Bauleute.

AIS die Gesellschaft sein Haus betrat, fand sie eine Tafel gedeckt, die vor der Last der Speisen zu brechen drohte. Die kostbarsten Weine standen in geschliffenen Flaschen vor den leckern Schüsseln, und aus einem großen Kühler ragten zahl- reiche Flaschen hervor, deren Pfropf mit der bekannten Zinn­folie überzogen war. Es ging hoch der. Der Baumeister las einen scherzhaften Spruch ab und die mannichfaltigsten Trinksprüche folgteu. Reichlicher trank man sich Gesundheiten zu, als die Propfeu knallend zur Decke flogen und die Gläser von schaumenden Weine überflosscn, den Peppi's unsicher ge­wordene Hand in vollem Maße spendete. Als das Morgen­licht freundlich in die geilster hereinblickte, fand es die Bacha- nalie mit allen ihren ekelerregenden Erscheinungen noch im Gauge. Der Eine war bewußtlos vom Stuhle gesunken, da» Champagnerglas in der Hand; der Andere schlief mit dem Kopse auf dem Tische, um ihn herum eine Fluth verschütteten Weines. Peppi lag am Halse des Maurermeisters und lallte unverständliche Worte; und dieser, eine jener eisernen Naturen, denen selbst ein Uebermaß nicht unmittelbar schadet, lachte über die Offenherzigkeit deS Trunkenen.

Herr Wastl mußte zu Lette getragen werden; auch grau Wastl und die O.'schen Eheleute thaten des Guten zu viel, und eS war ein Glück, daß die Kutsche bereit stand, Letztere nach Hause zu führen. Nur der schlaue L. hatte Maß zu halten gewußt, und manches Wort, das den Trunkenen ent« wischt, zu gelegentlicher Benutzung aufgefangen. Urschi hatte sich entschuldigt, unter dem Vorgeben, unpäßlich zu sein. All­gemein wurde in der Stadt von dem herrlichenHebein" Wastl's gesprochen, und einige Tage nachher hatte Peppi die große Freude, imBierfränzlein" des Tagblattes einen lob« dudelnden Aufsatz über die Feier zu lesen. Wohl konnte man den Verfasser davon errathen; wer anders mochte e» sein, als L.?

Nun wurde rasch die Vollendung des Baues gefördert;