Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Nr. 51.
Mittwoch de« 1. März
IBM.
Herr Waßl und keine Kinder
Skizze aus dcm bayerischen Alltagsleben von 3. S.
(Fortsetzung.)
Als er fort war, kniete seine Frau vor den HauSaltar hin; sie betete ein Vater unser und manch Stoßgebetlein. Alsdann ging sie hinab in die Zechstnde und in die Küche, schaffte überall an, und der Oberknecht mußte mit ihr, um die dem Wirth zu liefernden Bierbanzen zu controliren. Sie schrieb fleißig ein, damit, wenn der Gatte zurnckkäme, Alles in Ord. nung sei. ES mochte darüber eine gute Stunde verflossen sein, als Herr Andre wieder zurückkehrte, betrübter wie er gegangen. Die Frau sah es ihm gleich am Gesichte an, und sie gingen hinauf in ihr Schlafzimmer, um gemein,chaftlich zu berathen.
„Du bringst nichts Gutes," sagte Frau Nani zum heim- gekehrten Manne. „Hast Du ibn getroffen und eine abschlägige Antwort erhalten?"
„Ja, Frau," sagte ra,ch Andre. „Ja, ich habe ihn ge« troffen. Ich konnte mir's zwar gleich denken, daß es so ton' men würde, aber man ist halt einmal so. Wenn man auch weiß, daß so etwas kommt, was einem unangenehm ist, so hofft man immer, eS könnte noch ausbleiben; die Gewißheit ist denn doch hart. In einem halben Jahr muß ich ihm die letzte Hypothek zurückbezahlen, und in 8 Tagen schon seine Wechselschuld. Ich hab' eS ihm vorgestellt, daß er meinen Untergang herbeiführe. Er hatte viele schöne Worte, bedauerte unendlich, nicht anders zu können und sagte nebenbei, daß, wenn er in 8 Tagen nicht bezahlt sei, er mich durch seinen Advocaten einklagen lasse. Und sieh' Nani, als mir so die hellen Thränen über das Gesicht herabftclen, und meine Hände zitterten und sich zusammenfalteten zum Bitten, da heuchelte auch er Theilnahme. Er machte einen Vorschlag, mir zu hel> jen! Nani! bei jedem Wort, das er sprach, hätte mir daS Herz brechen mögen. Er wolle mir, sagte er, um sein und L'S. Guthaben meine Braustätte ablösen; ich müßte aber alle
Utensilien und Geräthschaften mit in den Kauf geben. Dann wolle er aus Mitleid, weil ich doch unverschuldet in die Lage gekommen, 3000 fl. herauszahlen."
„Andre! wir sollen unsere Habe verlassen? Meine Ge- burtsstätte, mein Erbgut!" rief jammernd die Frau. „Gibt es denn gar feine Hilfe mehr! ? Hab' ich doch gestern bei der Mutter Gottes im Herzogs-Spital so andächtig gebetet, ich glaubte, ich müßte erhört werden! Wir sind ja keine schlechten Leute, und Gott weiß eS, daß wir für Jeden, der uns was geliehen hat, redlich sorgen. Du kannst nichts dafür, Andre, Du warst fleißig mb brav, Tag uad Nacht in Deinem Geschä le. Aber die drei Fehljahre haben unS zu wehe gethan und auch der Verlust des Darlehens an Murr. Aber unser Hergott wird helfen, er wird uns nicht an den Bettelstab kommen lassen. Es gibt ja noch gute Leute; wenn wir sie nur kannten, gewiß würde uns geholfen."
„Sei nur gefaßt," beruhigte sie Andre, „wir stehen in Gottes Hand; was er will, wird geschehen. Hilfe hoffe ich von den Menschen nicht mehr. Ich weiß nicht, woher eS kommt, daß mein Credit gesunken ist. Aber ich fürchte, ich fürchte, der L. hat mich mit seinen Wechseln herumgetragen. Ja, diese Juden! O meine Nani! Ich hatte gewiß keinen in's Haus kommen lassen, hätte mir nur Jemand anders geholfen. Aber in unserer Zeit liegen ja alle Capitalien in den Händen der Israeliten; überall drängen sie sich dazwischen, überall haben sie die Hände im Spiel. Du sagst, es gäbe noch gute Leute; eS mag sein, Nani. Aber die, welche wollen, können nicht; und die daS Vermögen haben, denen fehlt das Herz. Gewöhnlich geht das Mitleid verloren, wenn der Reichthum kommt. Ich will dem Wastl nicht fluchen, denn wir müssen unsere Feinde lieben. Ist er glücklich mit meiner Habe, so gönne ich'S ihm; ich möchte aber sein Gewissen nicht dabei haben. Ich verstehe nichts von dem Treiben der Welt; , aber ich weiß doch; was gut und böse ist. Es reut mich nur, daß ich dem Peppi so viel nachgesehen habe auS Furcht, seinen Vater zu beleidigen. Der liebe Gott wird eS mir verzeihen, Er weiß, daß es eine Schwäche war. Ich mag nun auch nicht mehr länger hier hausen, Naui. So