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Der Wanderer

Belletristisches Beiblatt zur Naffamschèn Allgemeinen Zeitung.

Kr. 48.

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Herr Wußt und seine Kinder.

Skizze auS dem bayerischen Alltagsleben von J. S.

(Fortsetzung.)

Der Baron war nun der Liebling der ganzen Familie, bis auf den Ppoi, geworden; nur dieser allein mochte ihn nicht leiden. Man mußte ihn aber auch lieb haben. Immer zier­lich gekleidet: die feinsten Hemden, schneeweißen Halskragen und Manschetten; wenig aber werlhvoUen Schmuck; von mo« Vermin Schnitt, ebne geckenhaft zu sein, war seine äußere (£r- scheiniing au b noch gehoben durch einen schönen Lünct S nud ganz regelmäßig geschnittene Gesichlszüge. Das Auge konnte so treuherzig und freundlich blicken, und zeigte keine Spur von Falsch; die hohe, schön gewölbte Stirne, die sanft gebo­gene Adlernase und der hübsch geformte Mund mit dem netten Schnurrbärtchen machten den vortheilbaft.sten Eindruck. Das war, so schien es, keiner von jenen Wüstlingen, die schon in den zwanziger Jahren Greise geworden, die in dem Frohn- 1 heilste aller Lüste ihre Glückseligkeit suchen. Der Baron be suchte fast einen Abend um den andern daS Wasil'iche Haus. Seine Lieblingsunterhaltung war der Tanz; er sprach gut Französisch und Italienisch, verstand auch das Englische, war in der schönen L teratur zu Hause und balte so feine Manie­ren, daß auch Frau Wasil ganz bezaubert davon ward, und ihr G'iuahl beständig seinem Peppi den Baron als Borbild empfahl. So oft er kam, küßte er der Frau vom Hause die Hand, berührte nur mit den Fingerspitzen das Händchen deS Fräuleins und schüttelte kräftig die dargebotrue Rechte d.s BalerS. Er ward bald M.igli.d der Spülgesellfchaft de- Herrn W'sil, und so gut er auch spielte, schien doch Herr Wastl ihm stets überlegen. DaS Zwick.» hatte er zu ver­bannen g wußt, dafür den Hau-vater, Whist, Boston, Tempel MosiS und Landsknecht alS noble Spiele eingesühlt. Man war seine Gesellschaft so gewohnt, daß er sogleich um den Grund seiner Abwesenheit gefragt wurde, wenn er nur zwei Tage au-blieb; und Trauer erfüllte daS HauS, als er einst *

ans 14 Tage verreisen mußte, um, wie er sagte, auf seine Güter an hr Oder zu eilen, wo seine Gegenwart nothwendig sei. Er sollte der Sohn eines alten Adeligen in der dortigen Gegend sein; seine Eltern waren vor einigen Jahren gestor­ben und er Universalerbe geworden. Aus den Briefen, die er von seinem Güter du ector erhielt, las er im Wastt'schen Familienkreise, wo er nachgrade fast wie zu Hause war, zu­weilen Einiges vor, berieth sich mit dem Herrn Wasil über seine Angelegenheiten und lobte jedesmal dessen Einsicht. Herr Wasil hatte diesen Herrn Baron in bir Abendgesellschaft ken­nen gelernt, die er täglich besuchte, ehe der Spielklub zu Hause sich organisirte. Er führte dort gewöhnlich das große Woit; Wirth und Kellner machten li.se Bücklinge, wenn er kam. Alle Mittage speiste er bei Havard und ließ sich ösierS sein 9t ifpfnb dahin führen, um von da Spazierritte nach ver­schiedenen Belnsiiguug-orteu Münchens zu machen. ' In j.ucr Abendgesellschaft war er der einzige Adelige; er wußte bestän­dig die geheimsten Nachrichten, schien mit der haule volée genau bekannt zn sein und erzählte, wie er oft mit Ministern und Herren vom hohen Adel ip.ife. Herr Wastl fühlte sich ntt gemein geschmeichelt, wenn ihm der Herr Baron auf und zu Freukdeim, wie er sich nannte, Gehör schenkte. Gewöhnlich suchte Herr Wastl, wenn er von den Besitzungen des Herrn Barons bei re, seinen Stuhl in die Nähe beefdbeu zu brin­gen, und mehr als glücklich fühlte sich der reiche Bürger trotz seines Stolzes. als der Baron fdiwr Einladung zur Mittags­tafel uub zum B> suche seines Hauses freundliches Gehör gab. Bon nun an wurde der Baron zu allen Familienfesten gela­den und zeigte sich als ein liebenswürdiger Ges llichasler und kluger Weltmann, der keinen Flinken von Adelstolz besaß. Sun großles Bei dienst in den Augen Wastl's blieb jedoch unstreitig das: viel Geld zu haben. Im Gespräche unter pur Augen zwischen den beiden Ehegatten wurden oft der Baion und E.uci mitsammen genannt; deßwegen nahm man es auch mit den Znsammenküusten der beiden jungen Leute nicht so genau.

Einen ihrer launischen Tage hatte ein Mal wieder die Cenci. Sie saß >m Morgen Neglige au der Mittagstafel und