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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Kr. 43, Montag den 23. /cbruar /^.u

Herr Walli und seine Kinder.

Skizze auS dem bayerischen Alltagsleben von I. S.

(Fortsetzung)

Herr Sohn, Herr Soho," erwiederte der alte Vater, nehmt mir nur nicht gleich Alles io übel; ich weiß zwar, daß Ich Euch zu Last gefallen bin und daher gar kein Wort mehr reden sollte; aber seht eS motte mir das Herz ab- drücken, wenn ich dem Treiben so zusehe. Glaubt doch nur ein wenig meinen Worten; cs sind ja wohl viele Jahre über mein Haupt gewandelt und darob meine Haare gebleicht, und seid vcrshDert, daß ich so manllie Erfahrung in dieser Zeit gemacht habe. ES ist wahr, ihr seid reich, recht reich aber lieber Herr Sohn, ich weiß Geschichten, wo der Millio­när über Nacht ein Bettler geworden ist. Glücklich dann derjenige, der etwaS gelernt hat, um sich durch sein Wissen, seine Kunst und seinen Fleiß fortzubringen. Bedenkt nur ein­mal, was zwar der liebe Himmel verhüten wolle, wenn ihr nun mit Eurem Gelde ein Unglück haben solltet, was aus Peppi und Cenci werden würde? Wie könnten sich denn diese beiden selbst fortbringen in der Welt? Es ist wahr, Ihr wen­det sehr viel darauf, um sie heranzubilden; aber, nehmt mir's nicht übel, denn ich bin nun einmal wieder im Zuge und ich muß mein Herz ausschütten, das seit gestern so voll geworden ist; bringt ihnen alles das, was Ihr Sie lernen laßt, wirk­lichen Nutzen? Was nützt der Cenci ihr Clavierspiel und Französisch? Lernt sie eS denn auch von Grund aus? Nein, dazu hat fie nicht Eifer genug und wird auch nicht dazu an­gehalten. Und was kann denn Peppi? Ihr habt ihn in die lateinische Schule geschickt, weil Ihr eS für nobel hieltet, sa­gen zu können, Euer Sohn studiere. Zwei Jahre dauerte es, und dann war die Lust dazu verloren. Ihr folgtet seinem Willen, und er lernte die Handlung; aber die Lehrling-jahre wollten ihm nicht behagen. Ihr habt es ihm zu früh und I i« »ft gesagt, daß er reich sei, und in da- junge Herz zieht mit dem Gefühle deS Reichsrin- da- Gefühl deS Stolze- ein. *

Er beklagt sich bei Euch, daß er niedrige Arbeit zu verrichten habe; Ihr sagtet ihm, daß der Kaufmann, sein Lehrmeister, Euer Schuldner sei, und seit der Z. it sah Peppi in seinem Lehiherrn nicht mehr den Meister, sondern nur seinen Schuld­ner, da er wohl wußte, daß Euer Geld da- seinige werde. Seht, lieber Herr Sohn, Jbr hattet auch die Schwäche, den Einflüsterungen Eures Sohnes Gehör zu geben; denn Ihr wurdet böse auf den Kaufmann, weil er Euren Sohn nicht gleich zur höchsten Würde erhoben habe. und um zu zeigen, daß er in Eurer Gewalt sei, nahmt Ihr den Peppi nach Hause und kündigtet ihm das Capital. Zum Commis taugt nun, wie Ihr selbst einsehet, Euer Peppi nicht mehr, und jetzt ist er ein sogenannter Branprakticant. Diesmal ist sein Lehrherr klüger; auch er schuldet Euch und er möchte sich's nm keinen Preis mit Euch verderben. Ich sehe es ja, wenn ich oft, ja fast täglich, einfebre, wie Euer Peppi gehätschelt wird. Das bischen Französisch und die paar lateinischen Brocken blähen ihm den Kopf so sehr auf, daß seine Hand nicht mehr tauglich ist, um den Bierschapfen und den Bauzen in die Hand zu nehmen. Er fühlt, daß er hoch über seinen Geschäftsgefährten steht; kann er doch auf Französisch zu Gott beten, und weiß er doch die Reden besser zu stellen, als ein so schlichter Brauer. Sollte er einen Bierbanzen anrühren oder die Maischschaufel bewegen, so würden ihm die goldenen Ringe an den Fingern sagen, daß er das in seinem Leben nicht nöthig habe; wozu arbeiten? er hat ja Geld. Da-, Herr Sohn, sind die großen Gefahren de- Reichthums, be­sonders bei jungen Leuten, daß sich dem Bewußtsein deS Reichthums die Schmeichelei anschließt, daß der Reiche viele Freunde, selten aber, ja fast nie, einen wahren Freund hat. Erhebt dann auch dieser wahre Freund seine mahnende Stimme, so wird sie übertönt durch die Schmeichelreden Anderer; und wer unter uns Menschen möchte sich nicht lieber gelobt, al- getadelt wissen ?"

,E- ist gut/ sagte plötzlich Peppi zu seinem Vater,daß wir heute nicht in die Predigt gegangen sind, sonst müßten wir zweimal eine hören; denn der Großvater glaubt, jetzt oben auf der Kanzel zu stehen und uns den Text zu lesen.