Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Nr. 41, . - Freitag den 17. Februar jma
Herr Wasil und seine Kinder.
Skizze a u 8 dem bayerischen Alltagsleben von I. S.
(Fortsetzung.)
Herr Wastl, der Hausvater, theilte die verschiedenen Präsente unter die Anwesenden aus; sie waren weniger werthvoll; einige bestanden, so wie man sagt, aus schlechten Witzen. Es wurde' viel gelacht — vieles gesprochen, was ein feines Ohr hätte verletzen können, und schon brannten die Kerzlein am Baume tief herab, und der letzte Gast hatte so eben sein Geschenk erhalten, und noch stand der alte Großvater unbemerkt in der Ecke des Zimmers. — Es mochte dem guten, alten Manne recht weh um's Herz sein, denn in seinem alten schwachen Auge blitzte eine Thräne — man hatte ja seiner nicht gedacht. Da hörte er endlich die Stimme seiner Tochter, der Hausfrau.
w^ Baker," sprach sie, „da haben wir für Euch auch etwas zum Christkind bestimmt."
Man öffnete das Packet, und einige weiße neue Ser- vietten wurden hervorgezogen.
„Weil der Vater beim Essen seine Westen und Röcke beschmutzt, so hat mein Mann gesagt, daß es am besten ist, wir kaufen für'n Vater eigene große Servietten, damit sich der Vater diese um den Hals binden kann, wie's zu seiner Zeit der Brauch war, und damit man sich nicht ekeln darf, wenn man den Vater ansieht."
Der alte Mann sagte nichts; er sah seine Tochter und seinen Schwiegersohn an. Cenci und Peppi sonnten nur mit ?Uiül)e das Kichern verbergern. Dann ging er in sein Zimmer, so einiach möblirt, wie sein Anzug schon erwarten ließ, Alles noch aus seiner Zeit; und er zündete ein Wachskerzlein an vor dem schlichten Portrait seiner verstorbenen Ehehälfte. Hatten sie ja so oft bei ihren Lebzeiten den Christabend ge- feiert — aber nicht so glänzend, wie jetzt seine Kinder. Ihnen war erstens nicht das Vermögen dazu gegeben, zweitens besaßen sie einen weniger frivolen Sinn. Beim Scheine deS Wachslichtes zog er aus dem Schranke ein altes, vergilbtes,
vieloerbrauchtes Gebetbuch mit großen Lettern. Die Zwick- brille auf der Nase betete er, und sein Gebet flehte um baldiges Wiedervereinen mit seiner Gattin. Der heutige Spott i seiner Tochter, für die er so viel gethan, die er so treu bewacht, schnitt ihm gewaltig in die Seele; sie war einst ein ! gut erzogenes Mädchen, aber der Reichthum und der Eiu-- : sluß ihres Mannes hatten sie ihre Kindespflichten vergessen machen. Auch die Zeit war ihm eine fremde geworden, und ! die Zeit verstand auch ihn nicht mehr.
So stille eS nun im Zimmerchen des Großvaters znging, so lärmend war es in dem Wohnzimmer des Herrn Wastl, in das sich nun die ganze Gesellschaft gezogen hatte. Auch j dieses Zimmer war reich geschmückt, mit derselben Ueberladung, wie das, wo der Christbaum stand. An den Wänden hingen die Porträts der Familie umher, nur daS des Großvaters mangelte. Rings um einen großen Tisch saßen die Gäste, und Punsch- und Weingeruch erfüllte die Luft. Die Frauen hatten noch immer von den Kleidern und Stoffen,'die so eben geschenkt worden waren, zu sprechen; die Männer unterhielten sich mit scherzhaften Gesprächen, und oft unterbrach lautes Gelächter den Sprechenden. Mit mehr als jugendlicher Unbefangenheit schwätzte auch der achtzehnjährige Peppi; und, den Glimmstengel im Munde, trieb er die blauen Rauchwolken vor sich hin, den Altklugen comme il faut spielend. An einem grünen Tische saß der Hausvater, Herr Wastl, mit seinen täglichen Gefährten im Kartcnzwickspiele begriffen. Der junge Herr mit dem schönen Gesichte hatte sich seinen Platz neben der Cenci zu verschaffen gewußt, und er erzählte ihr von den nun bald beginnenden Bällen und den Vergnügungen derselben. Sie sprachen von der neuesten Oper; Cenci hatte sie öfters schon gesehen, da ihr eine eigene Loge zu Gebote stand, und viele der honigsüßen Worte wurden zwischen den beiden diesen Abend gewechselt. Hie und da müßte sich das Mädchen ins allgemeine Gespräch; sie redete viel und über Alles; sie sprach Manches von vorne herein ab, und Alles staunte und wußte des Lobes kein Ende über die feine Bildung der Cenci. Die Mutter selbst fühlte das Uebergcwicht des Benehmens ihrer Tochter; sie wurde stolz auf sie, und