Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Nr. 40, Donnerstag den 16 Februar /sm.
Herr Wastl und seine Kinder.
Skizze aus dem bay eri sche n Allta g sleben von I. S.
I.
Frühes Abenddunkel lagerte sich über München; trübe erhellten die Straßenlaternen die nebelerfüllte Luft. Die Spitzen der Thürme konnten kaum mehr gesehen werden; dicht hatte sich der feuchte kalte Nebel herabgezogen, und die Dächer der Häuser waren ganz weiß angeschneit. — Dennoch herrschte reges Leben in den Straßen, und in den vorzüglicheren derselben blendete schon von weitem Heller Lichterglanz, der aus den reichgeschmückten Verkaufsläden mit den großen Fenstern und den lockenden Auslagen hervordrang. — Ueberall, am meisten aber bei den Läden der Zuckerbäcker, stand eine Masse Neugieriger, und eben so voll wie außen von den bloß Schauenden, waren auch innen die Läden von Kaufenden angefüllt. Mochte man dieses Treiben in der Stadt schon rege nennen, so war es doch noch lebendiger vor'm Thore am Maximilians- und Dultplatz. In Reihen standen hier Buden, hell beleuchtet, angefüllt mit den lieblichsten Sachen für Groß und Klein. Da bot ein Lebkuchenhändler seine süße Waare aus, dort zog ein Spielwaarenverkäufer die Blicke auf sich; nur in bescheidener Ferne, wo kaum der Kerzenschimmer der Kaufboutiken mehr hindringen konnte, standen die armen Verkäufer der fichtenen Christbäume; wie eine Orgelreihe hatten sie die Bäume vor sich gestellt zur Auswahl der Kaufenden, vom kleinen Zweige bis zum jungen Baume. — Mochten ja die Eltern, deren Habe nur wenig ist, auch ihren Kleinen ein Bäumchen kaufen; schlägt ja in der armen Mutter dasselbe liebeude Herz, wie in der reichen Dame dort, die ihre zwei Bedienten mit einer Unzahl von gekauften Spielsachen belastet. — Es war gerade der heilige Christabend, und der letzte Tag, an dem die sogenannte ChristkiM-Dult dauerte. ,
Auch in den Häusern herrschte eine ungewöhnliche Reg. samkeit; die sorgfältige Hausmutter backte appetitliche Kuchen, und der Vater richtete indeß die Geschenke zum Christbaume
zurecht; kaum mochten die Kleinen wohl die Ankunft des Christkindes erwarten. Lon dem Thurme herab schallten die Glocken, die Kirche bereitete sich auf würdige, ernste Weise zur Geburt des Herrn vor, und rief vermittelst der ehernen Zungen ihre Kinder, die Gläubigen, herbei, mit ihr durch Gebet und Buße au der hohen Feier Theil zu nehmen.
In einer der belebteren Straßen der Hauptstadt, im zweiten Stocke eines hohen Hauses, zog vorzüglich der helle Lichtschimmer die Blicke der Vorübergehenden auf sich, und die unten Weilenden konnten noch die Spitze eines großen Christbaumes sehen, der durch eine Unzahl von Kerzchen beleuchtet war. Man mochte schon aus dem Wenigen schließen, daß hier große Pracht herrschen müsse, und der Schluß war auch kein falscher.
Das Zimmer, in welchem der Christbaum stand, war prachtvoll eingerichtet; die Wände trugen eine schwere, roth, sammtne Tapete, mit goldenen Zeichnungen durchpreßt; an den Gesimsen herum liefen Goldstäbchen; an dem Plafond prangten Arabesken, und dazwischen gemalte, nackte, mythologische Figuren. Wie die Wände, so prachtvoll, eben so war mit ihnen übereinstimmend auch das übrige Ameublement im reichsten Rococostyle, Wohlhabenheit, ja wohl mehr als Wohlhabenheit mußte hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben, das verkündete das Ganze, obwohl den Kenner des feinen Ge- schmackes ein Ueberladensein unangenehm berührte.
So eben war die Familie ins Zimmer eingetreten, voraus der Hausvater, ein Mann nahe den Fünfzigern; sein Anzug war etwas gesucht, und viele Brillantringe blitzten an seinen Fingern ; im seidenen Kleide, reich behangen mit Schmuck, folgte die Mutter. Hinter ihnen kam ein Mädchen, 15—16 Jahre alt, von schöner Gesichtsbildung, und ein Knabe im Alter von 17—18 Jahren, ihre Kinder; sie beide trugen schöne Kleider, und besonders war das Töchterchen herausgeputzt. Diesen folgten noch mehrere Herren und Damen, wahrscheinlich geladene Gäste. Nur ganz im Hintergründe hielt sich ein betagtes Männchen, nach altem Schnitt gekleidet, kurze Hosen, blaue Strümpfe und Schuhe mit silbernen Schnallen; den Oberleib umhüllte eine sammtne Jacke, und am sil-