Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeine» Zeitung.
Nr. 3«.
Samstag de« 11. /ebruar
/SM.
Ein walachifcher Uäubcr.
Eine Erzählung.
(Fortsetzung)
Maruschka winkte dem Slovaken, zu ihr herüber zu kommen, Er bejahte und verschwand sofort, um den Befehl zu vollziehen, aber nicht auf dem kürzesten Wege. Vermuthlich hielt er eS für gerathen, dem ritterlichen Keuler, der grimmigen Bache mit ihrer zahlreichen Sippschafft von hauenden Schweinen, groben Sauen und Frischlingen auszuweichen. In jenen öden Gegenden hat das Schwarzwild noch bis zum heutigen Tag seine urwüchsige Wildheit bewahrt, während es bei uns schon so viel Bildung angenommen, daß ein einziger Schuß binreicht, ein ganzes Rudel in die Flucht zu sprengen. MickloS kam langsam, aber um so wohlbehaltener an. „Woher, wohin?" fragte Maruschka. — „Zum Harampaschah," deschied der Slovak. „Vielleicht gibt's einen Fang zu machen. Die Karserlichen haben heute in aller Früh eine Jagd im hohen Gebirg angestellt. Einer von ihnen hat sich verlaufen. Sie blasen und huppen dort drüben nach ihm wie die Nar- reu, und der Bursche muß manchen guten Piaster werth sein, weil sie einen gar so unsinnig tollen Lärm machen." — „Bis ihr kommt," meinte Maruschka, „haben sie ihn längst wieder gefunden." — MickloS legte die zwei Schwörfinger seiner rechten Hand zu beiden Seiten der Nase auf die Wangen, zog durch einen Druck die Haut ein wenig von den Augen abwärts und begleitete diese nicht allzu ehrerbietige Geberde mit den Worten: „Ja, wenn sie wüßten, was ich weiß. Dort drüben suchen sie und der Verirrte ist auf jener Seite. Ich habe sein Schießen drunten in den Schluchten wohl vernommen. Ich stand auf dem Berge und horchte nach beiden Selten hin, während sie nichts von einander hören konnten. Der Verirrte hat wenigsten- sechsmal geschossen, und immer war er ein Stück weiter weg in ganz verkehrter Richtung."
Maruschka nickte mit zufriedenem Lächeln. „Jetzt mußt du Recht haben, Slovak," sagte fie, „und ich werde dich begleiten, um nach dem Jäger zu jagen." Zu Dschurdschu gewendet, fügte sie hinzu: „Eile auf raschen Sohlen zu Selim *
hin; du weißt, wo du ihn findest. Er soll mit wenigstens zwanzig seiner erlesensten Knaben zur Hexenquelle hinkommen. Sage ihm, daß eS sich darum bandelt, einen kaiserlichen Offizier zu fangen, der gewiß von hohem Rang ist."
Dschurdschu verneigte sich mit gekreuzten Arme» und eilte von dannen. Verwundert fragte MickloS: „Wozu bedarfst du der Türken?" — „Einfältiger Tropf," antwortete sie, „weißt du nicht, daß der Türke gut bezahlt, sobald eS der Mühe werth scheint? Wenn der Jäger ein Oberst oder gar ein General ist, so hat sein Kopf in Stambul einen hohen Werth und wir können bald mit venctianischen Zechinen klimpern." — Der Slovak meinte das goldene Klimpern schon zu hören, und mit zufriedenem Lächeln sagte er: „Du bist weise, Gebieterin, immer und überall. Der heilige Georg segne deine hellen Augen!" — Ohne auf die Schmeichelrede zu achte», schritt Maruschka von dannen mit dem neuen Begleiter.
MickloS batte recht gehört und richtig gerathen, bis auf einen Umstand: zwei Jäger waren es, welche, von dem Gefolge abgekommèn, die falsche Richtung eingeschlagen hatten und sich immer weiter vom TemeSthal entfernten, auf welche- sie loszugehen meinten, nachdem sie durch Schießen und Rufen vergebliche Zeichen gegeben. Die beiden waren noch junge Männer, feine, zierliche Gestalten in unscheinbaren grauen Oberröcke», wie die kaiserlichen Osficiere sie trugen und jetzt ebenfalls tragen, nur daß der Schnitt sich verändert hat. Die grauen Röcke waren übrigens von flandrischem Tuch, haltbar und weich, und bei aller Einfachheit gaben sie ihren Trägern ein vornehme- Aussehen, namentlich in dieser wilden Gegend, deren seltene Bewohner nicht besser und oft kaum so gut bekleidet waren, wie die Füchse, Wölfe und Bären des Gebirge-.
Die Verirrten erreichten die Höhe eines Berge-, von wo der Mangel an Unterholz zwischen den hochstämmigen Buchen eine weitere Aussicht gestattete. Hier blieben sie stehen, die wilde Gebirgsgegend aufmerksam betrachtend, aber nicht um ihre malerischen Reize zu bewundern. „Bucklige Leute find bo-haft," sagte der Aeltere; „die bucklige Gegend zeigt sich auch nicht besonder- gutmüthig." — „Schon recht, Fränzel," versetzte der Jüngere, mache uns einen Spaß vor. Wir kön«