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Der Wanderer

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Kr. 30. Samstag den 4. Februar /«m.

Ein waladjifäer Uäuber.

Eine Erzählung.

Die Tewes bietet in ihrem Laufe das Bild eines wüthi­gen und entschlossenen Kampfes gegen die Uebermacht des Verhängnisses dar. Hoch oben entspringt sie im Gebirge bei dem Dorfe Teregova. Ihrer eigentlichen Bestimmung nach müßte sie, gleich dem Berzavo, dem Keras, der Nera und andern Bächen, in südwestlicher Richtung zur Donau hinab­eilen; aber in eigensinniger Wendung kehrt sie sich nordwärts und zieht dergestalt einen mühseligen Weg dem gemächlicheren Falle vor. Der beschwerliche Pfad, welchen sie erkoren, führt durch ein vielfach gewundenes Thal, das rauh, unwirthlich und eng zwischen seinen felsigen Abhängen nur mit genauer Noth den ertrotzten Durchgang gestattet. Nachdem die Te­wes sich durch das Waldgebirg geschlagen, findet sie sich mit widerwilligem Erstaunen abermals im Stromgebiet des über­mächtigen Schwaben, dem sür immer zu entfliehen sie sich ein­gebildet. Doch auch jetzt gibt sie sich noch nicht gleich gefan­gen. Bei Temcsvar, der Veste, welcher sie, ohne dieselbe zu taufen, dennoch den Namen verliehen, bemüht sie sich, anf's neue in Schlangenwindungen auszuweichen; vergebens, ihr Verhängniß ruft unwiderstehlich. Zwar sucht sie, in gleicher Richtung mit der Donau umherlaufeud, noch Schutz unter den Fahnen des deutsch banatischen Grenzregiments, aber bei Panc- sova wird endlich jeder Widerstand unmöglich und sie geht in dem mächtigeren Flusse auf.

Das Thal, wo hindurch die spröde Temes ihren Lauf nimmt, dient der Straße von Lugos nach Mehadia und Alt- Orsova zum Wegweiser durch das Gebirg. Nicht allzuweit von der Mündung dieses Thals liegt Karansebes. Weiter oben finden sich die verzettelten Gehöfte der Dorfgemeinde Szlatina, und der Wanderer, welcher der schnellen Woge ent- gegen geht, erblickt rechts vom Wege am linken Gestade des Flusses ein Kirchlein, das vom felsigen Abhang weithin sicht­bar ist. Das kleine Gotteshaus bei Szlatina ist nicht son­derlich alt. Seine jetzige Gestalt stammt aus 6ein Jahre j 1771, sein Ursprung liegt nur um drei Jahrzehnte weiter rück- ]

wärts. Aber an diesen Ursprung knüpft sich eine Erinnerung, welche dem Herzen des Volks theuer ist und die, obschon sie noch nicht völlig zwölf Jahrzehnte hinter sich hat, dennoch mit der Bestimmtheit einer geschichtlichen Thatsache allen dichteri­schen Reiz der Sage verbindet. Dieser Sage geheimnißvoller Zauber bewährt sich heute an mir; und indem ich die Feder zur Hand nehme, um die Begebenheit nach meiner Art und Weise zu erzählen, bitte ich um Nachsicht, wenn ich mich jeg­licher Berufung auf Gewährsmänner in schweinslederner Hülle standhaft entschlage.

Es war im Jahr 1738. Prinz Eugen der edle Ritter schlummerte in der dunkeln kühlen Ruhestätte, aus welcher bis zum jüngsten Tag keiner sich erhebt. Der Tod des alten Helden aus Wittekinds Stamm hatte die beschorenen Söhne des Propheten übermüthig gemacht, und wie es schien, hatten sie in der That den bcßten Grund, sich nicht länger vor den Waffen der lateinischen Christenheit zu fürchten. Der. Divan zu Petsch von dem Dschaurs Hofkriegsrath zu Wien gut­geheißen machte den kaiserlichen Muschirs, Paschahs und Agas in Ungarn den Küchenzettel und die Wirthschaft war dieselbe wie vor den Tagen, in welchen der savoyische Leu die Befehle erst zu lesen pflegte, nachdem er gegen alle Vorschrift den Feind geschlagen. Der Feldzug von 1737, anfangs von Erfolg gekrönt, hatte durch die Unfähigkeit des Muschirs Seckendorf-Paschah ein schlimmes Ende genommen. Was half es nun, daß Seckendorf im Gefängniß saß und daß dem ver­zagten Dorat Paschah der Kopf vor die Füße gelegt worden? Die Türken waren darum nichtsdestoweniger bis Mehadia vor­gedrungen und der abgefallene Christ Bonneval, dessen türki­scher Name mir im Augenblick nicht beifällt, führte den Halb­mond neuen Triumphen entgegen.

In der Gegend von Karasebes stand ein kaiserliches Heer, bei welchem sich die beiden Herzoge von Lothringen be­fanden, Franz und Karl, die Söhne des Befreiers von Wien. Der ältere dieser zwei Prinzen, nachmals als deutscher Kaiser Franz der Erste geheißen, war seit dem Jahr 1736 mit der