Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Hr. 29,
Freilag den 3 Februar
1854.
Der stille Kapellmeister.
Erzählung in Lrri Capiteln von I. Metzler.
(Schluß.)
Wie ein Stern im lichtem Grunde leuchtete das Helle WaldhauS aus dem leichtbeflorten Höhenzuge herüber. Je länger er dorthin sah, desto mehr gewann eS in seinem Innern an Regsamkeit. Wie ein warmer heilender Hauch drangen Glanz und Licht von außen in die dämmernde Seele und belebten den Wirrwarr vergilbter Bilder zu neuer Frische. Gewaltig rang der Arme mit dem Taumel, der ihn unter den Eindrücken des heiligen Augenblicks überkommen. Nähere sich ihm keiner, ehe Alles, was aus seiner Seele, ob klar oder unklar, farbig oder farblosj, wohlgeformt oder misge- staltct, gleich einer luftigen Säule sich erhoben, von den geheimen göttlichen Kräften des Augenblicks berührt und geläutert in die leibliche Hülle zu dauernden Ordnung zurückgesunken: ein Wort deS frühern Wahns könnte diese vielleicht letzte Heilprobe zerstören, den erregten Knäuel unentwirrt in die alten Bande zurückdrängen!
Aber ist es wirklich der Frühling, der ringsum wallet und mit Blättern und warmen Lüften die dunkeln Grüfle langer Jahre züwehen will und ihn, den Genesenen von bewußtlosem Leiden, hinüberruft nach den morgenrothen Orten der Jugend, die er ja so lange nicht gemieden haben könne, als cs ihm bisweilen ahnte? Ach, nur zu schnell gemahnten ihn das auf den saubergekehrten Baumgang niederfallende gelbe Laub, die dunkeln Farben der nahen Blumenstände», daß er im Herbste des Jahres stehe; nur zu bald drängte sich einer seiner unbedachten Quäler heran, sprach ihm in aller Form seinen Dank dafür aus, daß er dem neulichen Rufe als Hofmusiker nach Grönland nicht gefolgt und sich dem Wiesenbade für immer erhalten, auch daß er den neuesten Schöpfungen vtaheitischer Meister so kräftig gedient habe: so daß es ihn mit zuckender Seele fortriß auf die Straße, die nach dem weißen Sterne im Gebirge führte.
Abend war eS, als er an dem Platze im heimatlichen Gc« !
Hölze anlangte, wo er einst als Knabe seinen kleinen Tonfeste, seine Muße- und Pflegestunden der Phantasie gehalten. Wie er hingekommen, vermochte er sich nicht zu sagen. Trieb ihn überhaupt nicht immer ein dunkles, schmerzendes Gefühl nach innen zurück und drohte ihn zu lähmen fast, wenn er sich an das Erörtern der Vergangenheit wagte? Nahm er nicht Alles lieber als einen schweren unentwirrbaren Traum und den Augenblick für ein Erwachen in versöhnender, entschädigender Lage hin? Er hatte ja so lange keinen Festtag gehabt, wie sie die Quellen seiner Seele sonst ihm geschaffen: wie hätte er darum dem winkenden hellen Faden auSweichen ' könne», der jetzt aus ihr sich herauSwand und ihn in die schönste, festlichste Zeit seines Lebens zurückzuführen verhieß - Mußte doch dieS selbst an eine Grenze endlich führen, die ihn an die spätere dunkle Zeit, vor der er erschauern würde, erinnern mußte!
Wie durch Helles Blätterwerk der Helle Frühstrahl bricht, an hundert Stellen das Leben auf dem blumigen Boden weckt, drang Erinnerung in seine Seele. Blume um Blume keimte in ihr empor, daß er bald bei der einzelnen nicht lange weilen konnte, sich an ihrer Farbe, ihrer Form zu weiden, an ihrem Duft zu laben. Doch die schönsten und lieblichsten darunter, die Erinnerungen an die festlichen Stunden, in der Schule zu Scheuern und an die Harmonicaklänge, welche von da aus durch lichte und durch traulich dunkelnde Monde über den geliebten Plätzen in der Nähe hin - und wiederwebten, diese vermochten es wohl, daß er öfter jähe zu ihnen zurückeilte und mit neuem, dankbarem Entzücken sie an die Lippen drückte, als ob er fürchtete, sie möchten vergänglicher denn die übrigen sein und ihm bald für immer entrückt werden. Wenigen mögen die Morgenglocken der frühen Jugendzeit je so ergreifend in einen späten Tag Herübergeklun- gen haben wie Dem, der hier unter ihrem Anhören nur di« Freude der Erde glaubte. Er dachte nicht daran, daß er jemals anders empfunden; nur ein plötzliches Gedenken an die Vergänglichkeit der schönen Stunden selbst machte ibn herbe und lähmte das Werk, welches das liebliche Licht- und Schatten-- spiel trieb.