Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Nr. 28.
Donnerstag den 2 Februar
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Der stille Kapellmeister.
Erzählung in drei Capiteln von I. Metzler.
(Fortsetzung.)
Auf Wiesbaden, von dessen trefflicher Opernmusik die Blätter ihm häufig die verführerischsten Schilderungen gegeben, hatte er in Betreff seiner Absichten für den Winter das Augenmerk gerichtet. Als er die gerühmte zum ersten Male gehört, war der Bund für immer geschlossen. Mächtiger wie Alles, was seither ihm begegnet, zog ihn an und fesselte ihn die Weise, wie hier die menschliche Stimme und das Instrument Hand in Hand die Töne pflegten. Als dann wieder ein Sommer kam, hielt die Trennung von dem neuen entzückenden Funde fast schwer, allein die Erinnerung an die Bilder von jenseits der im Westen des Wiesbadethales in lichter Kette sich hinziehenden Berge wirkte bald so außerordentlich auf ihn, daß einer tiefen, dankbaren Wallung ein heißes Sehnen und rasche Hingebung folgten.
Nicht lange mehr konnte er so ganz und gar ungemahnt von seinen materiellen Berhältnissen bleiben; diese waren in einem Grade untergraben, daß ein böses Ende unausbleiblich war. Wie hätte es auch anders kommen können? Kaum hatte er je dem Hause den Rücken gewandt, so waren die vollen Säcke aus den Händen der betrügerischen Gesellen in die anderer Elenden gewandert, die dafür den Ehr- und Pflichtvergessenen die Säckel gefüllt. Dies hatte sich in Jahren summiren müssen. War eine augenblickliche Geldverlegenheit eingetreten, so hatten sich wuchernde Verpfänder des Un- berathenen angenommen und dessen Wohl wahrlich nicht ge. fördert. Wie war überhaupt in Haus und Feld gewirth- schaftet worden! Doch wer schildert den Verfall eines wohlhabenden Hauses! Es ist an der traurigen Thatsache genug, daß sich endlich das Netz des Verderbens über dem zu spät Erwachten schloß und Kaspar mit der Ueberzeugung eines totalen Ruins eines Tags aus seiner Mühle von dannen ging.
Da gerade der Winter vor der Thür war, als Kaspar j feine Habe verlassen mußte, schlug er, nach dem Brauche bes- ■
serer Zeiten, den Weg nach Wiesbaden ein. An Außergewöhnlichem nahm der äußerlich Verarmte nichts mit als ein Gewissen, das ,ihn wegen der Schuld um den Verlust des Vermögens nur matt belangte und eine bald vergehende Bitterkeit über manchen Hänselnamen, welchen die Anwohner der verlassenen Gegend seit kurzem ihm verehrt. Wohl ihm, daß er dem bald in neuer Frische wieder auflebenden Innern Gehör gab, über dem Genusse des Reichthums, der ihm aus diesen unvergänglichen Quellen ward, die äußere Lage vergaß, denn wo hätte er sonst die Kraft zu der Arbeit, welche ihm den Leib erhalten sollte, hergenommen? Wohl ihm, daß er mit dem Spott nicht lange haderte, sondern ihn als einen ernsten Freund aüsnahm und hegte, denn der Lebensgeschichte, welche ihm, dem zu Wiesbaden Eingewanderten, Arbeitsuchenden, unvermeidlich nebenhergegangen, war der Spott nicht geschenkt worden und er hätte im Verleugnungsfalle an ihm einen täglichen unversöhnlichen Angreifer und Störer gehabt. * Wie aber finden wir unsern Freund nach Jahren wieder?
Da war kein Kind in dem Wiesenbade, das den „stillen Kapellmeister" nicht gekannt und nach dem Beispiele der Eltern nicht als solchen gegrüßt und belächelt hätte. Was die dankbare Welt als Lohn seiner Verdienste ihm gespendet, dies konnte man am besten des Sonntags sehen. Da trug Kaspar Schnurr einen säuberlich geputzten blauen Frack, der auf der linken Seite fast keinen Platz mehr hatte, neue Ehrenzeichen aufzunehmen. In der Woche führte er einen Stab, gber ein Merkliches länger war wie der, dessen sich der Leiter eines Orchesters gemeiniglich bedient. Dann hatte auch das Ende desselben nicht wie dieser den weißen, zolllangen, elfenbeinernen Aufschlag, wohl aber ein pfündiges Eisen, das bedenklicherweise die Form des Hammers hatte, wie man ihn zum Steinklopfen braucht. Ach, er hatte es weit gebracht! Kein Mensch war aber zufriedener wie er.
Auf der Landstraße saß Schnurr und verdiente mit dem zerstäubenden Hammer kargen Lebensunterhalt. Seine materiellen Verhältnisse hätten nicht tiefer sinken können, aber innerlich wollte der reiche Erwerb, der stete Genuß gar nicht aushören. Keinem Menschen fielen die Nährsorgen des wun-