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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Nr. 26.

Dienstag den 31. Januar

IBM.

Der stille Kapellmeister.

Erzählung in drei Capiteln von I. Metzler.

(Fortsetzung.)

Fünf Jahre über die Konfirmation Kaspar's dauerte be­reits dies Verhältniß. Kaspar war Müller. Er hatte der Musik entsagt. Unter den Kundfchaftsorten, welche die Mühle zählte, war aber auch das nahe Ems. Im Winter genügte es, wenn der Vorrathwagen mit dem stattlichen Hengst-Vier­gespann alle vierzehn Tage einmal nach dem Bade fuhr, kehrte aber der Sommer ins Land und führte Gäste nach den Quellen an der sonnigen Felswand, so mußte es öfters geschehen. Wenn auch nicht immer, so doch häufig und vor­zugsweise im Sommer wurden diese Geschäftsführer welche ein junger Knecht leitete, von Emmerich begleitet. Dieser Punkt des Lehrprogramms war Kaspar bisher vorenthalten gewesen, jetzt sollte auch er dem Neulinge bekannt gemacht werden. Kaspar lernte in Ems die ausgezeichnete Kapelle kennen. Das war ein Erwachen in seinem Innern. Diese bisher von ihm nie gehörte vollendete Fassungswcise der Klänge waren Zauber. Heiße Ströme der Empfindung rollten wieder herauf. Zwischen dem Gedanken an die vergangene Knabenzeit mit ihren Hoffnungen und darinnen webenden Harmonicatönen und der bewältigenden, hinreißenden Gegen­wart ergriff es ihn unwiderstehlich wie Heimweh nach der schönen Heimach der Musik, in der er keine Pflegestelle haben sollte und erschüttert ging er endlich von dem Platze, wo längst die Spaziergänger vor dem immer heißer werdenden Sonnenstrahle sich geflüchtet und auch der letzte Ton sich ver­loren hatte.

Ja, welche Tage folgten freilich hierauf! Dort auf der steilen Felswand, die nur durch treppenartige Pfade ersteig- bar, lag Kaspar gestützten Hauptes unter üppigen Sträuchern und rang mit den Eindrücken, welche ein Ueberdeuken seiner Lage ihm zuführte. Wieder empfand er es tief, daß er vor der begonnenen Müllerbahn nnr Achtung hegen könne, aber die Eindrücke des Morgens schlugen so warm, so mächtig dar­

über zusammen, daß er nicht festen Fuß behielt und mit Mee­reswogen weit Hinaustrieb aus dem kleinen Kreise, wo er das gesuchte Glück doch niemals finden würde. Ein feuriger Marsch scholl in diesem Augenblicke aus dem Thale, von des­sen Rändern er kaum einen Schritt entfernt war. Kraft und Biegsamkeit walteten in hohem Grade in der Weise. Muth! Muth! rief die Melodie, die mit sichern Schritten durch die Gefahren der ganzen Erde hinzugehen schien und der geknech­tete Freund der Töne auf der Felswand begriff sie. Den feurigsten seines Alters hätte es Ehre gemacht, wäre er also im Geleite der Töne gewachsen. Wie sprang er auf, damit die befreite Brust in ihrem ganzen Umfange sich dehnte und männlich stehe nach der Seite, von woher die ernsten Muse des Lebens immerhin kommen möchten! Dicht an den Rand der Felswand, die unter dem abendlichen Sonnenstrahle nun stets neue Lagen goldener Farben anzog, trat er heran; mit einem warmen Blicke nach unten vergalt er des Tages Wohl und Wehe; dann wollte er den Marsch ruhig zu Ende hören...« Mißtönig klang eine Thurmglocke in die letzten Pulse der Musik; nur ein einziger Glockenschlag überlebte diese; dann waltete das Geräusch der genießenden Menge unten so wenig vernehmbar fort, als ob es von einem fernen, sanft plätschern­den Wasser herrührte....

Aber eine Aenderung seiner Lage daheim folgte darum doch nicht. Ein Jahr dumpfer Sehnsucht nach Ems und der Harmonien verging....

Da kam eines Abends Kaspar von einer langem Aus­fahrt nach frischem Korn von der Mühle heim. Heiterer Stirn und sicherer Hand trat Kaspar in die Wohnstube. Nie­mand war in dem hellerlenchteten Raume. Die anstoßende Kammerthür war nur angelehnt. Das verstörte Gesicht der Base, welche dort eben erschien, machte ihn in hohem Grade betroffen. Als jene leise auf ihn zuging und ihn gar mit einem Ausdrucke im Angesichte, wie er ihn zuvor nie an ihe gesehen, zurückzuhalten suchte, erfaßte unwiderstehlich ihn die Ahnung, daß unerwartet ein ernster Augenblick seines Lebens gekommen sei. Wunderlich klang hiernach eine Stimme in seinem fiebernden Innern, daß er heute weder Freude noch