Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Montag den 30. Januar
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Erzählung in drei Capiteln von I. Metzler.
(Fortsetzung)
Kaspar war nun bald zwölf Jahr. Es gab schon manchen Hausstreit über seine Verwendung zum HauSwesen. Aber der Lenz kam, ehe etwas beschlossen wurde. Wieder begannen die musicalischen Regungen. Hart an dem hohen Ufer eines Bachs war jetzt der Orchesterraum, wo Kaspar mufu cirte. Wenn er so auf dem hohen Sitze unter den mit dun- kelm Abendgoldstaub reich bestreuten Zweigen des Laubholzes saß und hinüberblickte nach dem von niedrigerm, wellenartigem Laublande weit hinausgerückten Westen, der seine unvergäng- lichen Reize der Heimkehr der Sonne weihte, war es beim Blasen so leicht und klar in ihm, daß er auch dem Geläute der Festglocken naher Thäler bis zum letzten Ton in andäch- tiger Fassung zuhören konnte. An den letzten Ton dieser trauten Ränder fernen Lebens reihete sich ein langer, tiefer Accord aus seinem Instrumente und aus dem heimlichen Abendgeläute ward somit das Vorspiel zu dem beginnenden Mnsiktage.
Alles, was die Pulse der jungen Seele hier jemals bewegt, zog nun wie in buntgefärbten Luftmassen zu der brünstig rufenden heran; harmonisch webten alte Klänge, neue Empfindungen in neuen Weisen in die läuternden, klaren Lüfte hinaus. In des Waldes heimliches Dämmern drangen die lustig klaren Klänge. Was gab das leise Windesstreichen in den nahen Föhrengruppen nicht an Tönen ein? Welch neue Saiten vermochte des Kicselbachs trillerndes Rieseln in ihm zu entdecken und zu berühren? Was konnte zu all diesem Fühlen und glücklichen Fassen eine bessere Begleitung sein als die vollen, brünstigen Flötentöne, welche die erwachten geflügelten Buschsänger mit den dunkeln treuen Aeuglein dem lie- ben Gaste der nahen, bräutlich geschmückten Mondnacht in gewissen Zwischenräumen priesen ? Diese Eindrücke von außen wirkten außerordentlich aus die in allen Quellen erregte und erwärmte Seele Kaspar's. Geläutert stiegen sie aus ihr zu den willigen Lippen empor und in die durchlaufenden Töne
der Harmonica tönte es bald gar wie Geigenstriche, Flöten und Orgeln hinein. . . .
Aber wehe I Die Harmonica fand einen Feind, einen grimmen Gegner, im alten Emmerich. Schon lange war ihm Kaspar's Blasen und Träumen zuwider. Nicht lange mehr, KaSpar, und du wirst aus deinem klingenden Paradiese gerif' sen sein!
Lieber Junge, magst du an dem Bache sitzen und die Nacht erwarten im ewigen Anhauch deiner melodischen Luftspalten, magst du im Mondenlicht in einem Meere goldener Aehren, in denen weiße Mondstrahlen funkelnd sich brechen, dich wiegen, mögen leise Töne, ähnlich denen, wie sie auf entsprechend zugeschnittenen Kornstengeln hervorgebracht werden können, aus dem Grunde der goldenen Wogen klingen . . . eines Abends schliefst du am Bache ein. Du erwachtest erst — am Morgen. DaS war wol ein wunderbares Schauspiel, diese erwachende Natur. Zarte Perlmutterfarben drängten langsam den Mondstrahl hinweg, der lange genug mit Nachti- gallenaugen gekost hatte; tiefere Tinten folgten und weckten von Thal zu Thal helle und dumpfe Morgenglocken, damit diese mit dem um Fels und Schlucht orgelnden Morgenwinde harmonisch sich vermengten; dann widerstrahlte Alles von einem Lichtmeere, das dem dankbaren, aber verdutzten Beschauer die Augen blendete. Leise Schauer suchten ihn heim, als er unwillkürklich neben sich in Gräser und Moos tastete und eine Fülle funkelnder Thauperlen schöpfte. Eine kleine Weile beherrschte ihn unangenehme Ahnung, daß er über Hausesstunde ausgeblieben und bereits vermißt sein könnte. Verwirrt und beklommen schickte er sich zur Heimkehr an. Aber nicht lange dauerte diese unwillkommene Spannung, denn die Erinnerung an den reizenden, märchenhaften Traum war zu mächtig, als daß er ihr lange hätte widerstehen können. Alle Furcht vor dem elterlichen Tadel ward bald durch die Bilder verdrängt, die in wirrem Wechsel aus dem geheimnißvollen Rahmen des Traums gar lockend ihm herüberleuchteten. Allmälig jedoch begannen die kreisenden Punkte sich zu ordnen und als die Mühle fast erreicht und er dadurch wiederum an möglichen Tadel gemahnt wurde, stärkte mä stig ihn der Gedanke,