Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Xr. 24 Samstag den 28. Januar /ss*
Der stille Kapellmeister.
Erzählung in drei Capiteln von I. Metzler.
(Fortsetzung.)
Wohl öfter dachte Kaspar's Lehrer daran, welche Erfolge man erzielen könne, wenn man den entschieden durch- leuchtenden Anlagen seines kleinen Vorsängers verdiente und höhere Pflege zu Theil werden ließe; wohl häufig spann er sich im Stillen eine ehrenvolle Künstlerlaufbahn seines Schülers aus, in deren sonnigem Bereiche er die Freundesrolle gegen einen Mann von Ruf und Ehren als Lohn seiner frühen, erfolgreichen Erkenntniß schüchtern sich gönnte, aber immer zerplatzten und verflüchtigten seine hochziehenden Meteore, sobald sie der Besitzthümer des alten Emmerich Schnurr ansichtig wurden. Angesichts dieser schwand der zu ehrbarem Willen gehobene Mensch und an dessen Stelle trat das Wesen, das gegen die feindliche Macht starrer Einrichtungen und Begriffe keinen Muth gehabt haben würde, hätte ihn auch hundertmal sein Inneres daran erinnert, daß außerordentliche Umstände als Hülfe ihm zur Seite ständen.
„Den Emmerich Schnurr für solche Plane stimmen? Ei, das wäre ja bitterer Undank an dem Segen, der über dem Hause waltet!" hörte er bei sich von allen Seiten einwenden „War das Geschlecht der Schnurre durch mehrere Menschen- alter in der mehlstanbigen Jacke so außerordentlich begünstigt: wäre es da nicht ein unseliger Mißgriff, wenn der jüngste Sproße und Erbe, zumal der einzige, sich vor dem flüchtigen Gesichte der launischen Göttin hinter einem Notenpulte oder einem Geigenkasten verbärge?" Und führte der schon in offener Flucht vor diesem Gedanken begriffene Lehrer gar den Emmerich Schnurr als persönlich Betheiligten in dieser Angelegenheit sich vor, so hörte er über Thalesweite Verwünschungen über Verwünschungen hinter sich herschallen und dankte auf die Länge endlich Gott, daß er, wenn auch etwas lebhaft, aber überhaupt an die Sache doch nur gedacht und für die Folge die beste Fügsamkeit habe.
Unter all diesen tauben Gewittern, die ungesehen über Kaspar hinzogen, ging dieser seines Wegs ruhig weiter und
sammelte ohne alle Beaufsichtigung seines Geschmacks die Stoffe, welche seinem innern Leben zur Nahrung und Förderung dienten. Und einst war Jahrmarkt in dem nahen Städtchen Nassau. Fast Alle, die in Kaspars Alter waren, griffen bei dieser Gelegenheit nach bunten Bilderbögen oder Naschereien; ihn jedoch zog eS nach jenen Ständen hin, wo unter bescheidenen Preisen hunderterlei Gegenstände zu Nutz und Liebhaberei des Kaufs harrten. Aber nicht wie die Meisten, selbst Erwachsenen, welchen die innen spielende Laune das Auge erfolglos über das bunte Wirrsal hinjagte, trat er unentschlossen hier heran, sondern wohl berathen über DaS, was ihm fromme, drängte er sich in jene Ecke, wo neben mancherlei spaßigen Instrumenten, hölzernen, buntgemalten Trompeten und Pfeifen Das, was er suchte, Mundharmoni- cas, in genügender Auswahl lag. Unter dem Schutze Derjenigen, welche mit ihm gleichen Vortheils, d. h. über den zu kaufenden Gegenstand wenigstens im Reinen waren und von diesem Punkte aus nun behaglich gegen den Standherrn operirten, begann er hierneben ungestört zu stimmen. Während der Standherr den unmelodischen Stufen seiner menschlichen Ladengarnitur hinauf- und heruntertastete und hier und da eine Fuge schloß, d. h. Diesen und Jenen mit einem neuen Feierstück seines Haushelden, wie z. B. des alten Blücher von den Todtenkopfhusaren, des tapfern Pichegru von der alten Garde oder eines andern geschichtlichen Mannes jener Classe, welcher von den niedern Ständen häufig in dem ehrenvollen Jncognito: „alte Schweden", gedacht wird, versorgte, was in der Regel mit Pfeifenköpfcn und Bilderbögen geschah, probte der kauflustige, kleine Musicant, als ob der Markt ewig daure und es für seinen Geschmack gar keine Censur geben könne.
► Eine schöne Reihenfolge hatte er durchzugehen, aber er verschmähte es nicht, das kleinste Stück anzusaugen. Mit Wohlgefallen hatte die nebenstehende Base eine zeitlang das Thun und Treiben ihres Schützlings beobachtet, aber als derselbe die Stufenleiter der Instrumente immer höher Hinaufstieg, da begannen zuletzt Einschreitungsgelüste aus geldlichen Rücksichten j in ihr rege zu werden. Je größer die Instrumente, desto ! mehr Töne und desto länger dauerten die Proben. Dies