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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Xr. 23

Freitag den 27 Januar

18&4.

Der stille Kapellmeister

Erzählung in drei Capiteln von Z. Metzler.

(Fortsetzung.)

Nächst dem Lesen, das ihn so wohlig anzog, da es ihm gestattete, in Büchern anderer Leute Sinn anzuhören, sich so mit vielerlei fremden, angenehmen und nützlichen Dingen be- kannt zu machen, machte feind der vorkommenden Dinge in der Schule mehr Eindruck auf ihn als der Gesang Nur einige male in der Woche wurde deS Singens planmäßig ge­pflogen. Es war dies in der letzten Lehrstunde des Tages. Gerade die ihn minder ansprechenden Gegenstände, wie das Rechnen, dem er nun einmal nicht Form und Leben zu geben vermochte, kamen in den vorgehenden Stunden vor; aber das Gedenken an den folgenden süßen Genuß half ihm den Wider­willen gegen die trockene Zahlenwirthschaft überwinden, und oft saß er schon eine Viertelstunde vor Schluß seiner Aufgaben ledig hinter seinem Gesangbüchel und hielt eine warme, ge­heime Vorfeier der nahen Festlichkeit. . . . Welch eine Reihe von Bildern zog an dem Geiste des Knaben vorüber, wenn er bei seinen liebsten Stückchen dann stehen blieb, stille den schlichten, beredten Text zu einer Weise las, die ihm in vollen Accorden in der Seele klang, daß er Mühe hatte, die vor Rührung sich füllenden Augen klar zu bringen!

Fast die ganze südöstliche Seite des väterlichen Hauses war von Epheuwinden umrankt, die zierlichen, ewiggrünen Blättchen nickten in sein Schlafzimmer herein; war cs daher nicht natürlich, daß das Epheulied unendlich ihn anzog, um so mehr, da seine Weise eine der schönsten des ganzen Kran- zes war?

Epheu, Epheu, Wintergrün!

Freundlich anzuschanen!

Wald und Flur und Auen

Grünen, welken und verblüh'n.

Aber du erhebst dein Haupt,

Immer jung und frisch belaubt!

Wie alle reichen Gemüther warme Verehrer der Erinne­rung, so auch unser KaSpar. Sang Kaspar dies Lied nicht

am liebsten im Sommer, wenn draußen im unendlichen Raume und auf der farbenen Erde Alles Leben und Jubel athmete und tönte und dies um so wärmere Erinnerung an das dank­bare Leben der freundlichen Pflanze zur Winterzeit wecken mußte? Dachte er dann nicht an jene trauten Sommerlager welche über die benachbarten, winterlichen Hügel an das eis- beblümte Fenster schlicken und durch die zerrinnenden Eis- schildereien die unmerklich nickenden, grünen Blättchen an den einstigen Frühling mahnen ließen? Und war dann der Früh­ling gekommen, konnte es ihm eine angenehmere Abschweifung von den dann fälligen Genüssen der Gegenwart geben, als wenn er an des Herbstliedes würzigem Sinue und kräftiger Weise sich labte? Bot die eindringliche Schilderung deS Herbstes, wo unter phantastischem Farbenschmucke mannichfache, süße Früchte reifen würden, ihm nicht hinreichend Trost für die bald vergehende Jugendzeit des Jahres? Was konnte die junge Phantasie auS dem einem Verse:

Seht, bie volle Traube

An der Rebenlaube

Purpurfarben strahlt.

Am Gelände reifen Pfirsiche mit Streifen,

Roth und weiß bemalt. . .

nicht Alles an Bewußtseiu schöpfen? Ja, da konnte und mußte sie nach dem heimathlichen Thale die farbenreichen Schwingen richten, wo in wundersamen Bewegungen die Nebel mit dem Lichte rangen und durch gedämpfte Lichter die bunten Waldessäume leuchteten, indeß in vollem Sonnenstrahle die nahen Früchte des Gartens ihm entgegenwinkten! Und ging der Gesang dann endlich ins Werk, da war Kaspar erst recht die Krone der jugendlichen Genossenschaft.

Ein Gehör und Gedächtniß für Melodien hat er, wie der alte Lehrer kein Beispiel zu finden vermochte. Der Letztere bestaunte und durchdachte aber nicht lange die Anlagen des werdenden Lieblings, er griff mit stiller Dankbarkeit nach der Gabe, denn wahrlich, er konnte sie gebrauchen. Die wunder­lichen Zeichen der Tonsprache den kleinen Sängern verständ­lich zu machen, war damals nicht Brauch. Des Lehrers Vio-" line war einzige Vermittlerin. Doch das feine Getön des