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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Kr. 22 Donnerstag den 26. Januar /«L^

Der stille Kapellmeister. *)

Erzählung in drei Capiteln. von I. Metzler.

Erstes Capitel.

Die M u n d h a r m o n i c a

Nachdem die von Wiesbaden nach Koblenz führende Land­strave , durch die von ihr bewirkte Verbindung der westlichen Bäder deS HerzogthumS Nassau gemeiniglich die Bäderstraße genannt, an sieben bis acht Stunden auf den Kämmen west­licher Verzweigungen des Taunusgebirgs hingelaufen, neigt sie sich unterhalb des Fleckens Singhofen mehr und mehr und mündet wenige Minuten von dem Städtchen Nassau in daS Lahnthal ein. Anfangs ist die Neigung dieser Straße, unter­halb deö genannten Fleckens, nur sauft; dichte Laubwälder drängen sich herbei; bald aber nimmt die Laune des Wegs zu, bis man allmälig zu einem Puncte gelangt, der eS wohl verdient, daß man einen Augenblick bei ihm verweile und das Auge öffne, damit die Seele die lieblichen Formen in sich aufnehme, welche dort auf einem kleinen Fleckchen Erde hin- gebettet.

Zur Rechten steigt das dicht mit Holz bewachsene Land bald mäßig, bald steiler empor, mächtige Baumwurzeln recken sich unter grüner Mooödecke bis an die scharfe Spur deS WegS heran, zur Linken sucht niedriges Gemäuer vor dem jähen Falle eines mehre hundert Fuß tiefe« Thals zu schützen. Durch sanftes Wiesengrün geht da unten ein Bach dahin wie eine dunkle Achatader; ein blankes Mühlwerk liegt an seiner Sette. Zwischen den gegenüber nach Süden gelegenen Hügeln winden sich mehre Tdâlchen in die Ferne und darin blinken wieder die lichten Umrisse fernerer Bergestheile, welche weithin das Land durchziehen und endlich in der Fluth des Rheins

*) Vorstehende, Gutzkow'sUnterhaltungen am häuslichen Herd" entnommene, Erzählung spielt in unserem Herzogthum, unsere Leser werden mit ebenscviel Ueberraschung als Verwunderung in dem Hel­den derselben eine, wie wir glauben, hier allgemeine bekannte Per­sönlichkeit erkennen und beurteilen, ob das entworfene Portrait dem Original gleicht. Die Red.

ihre Formen spiegeln. Doch auch nach Westen und Norden haben Aug' und Seele reiche Ernte. Dort hat sich durch des Thales Breite ein Dörflein, Scheuern ist sein Name, ange­siedelt, dessen niedliche Formen der Natur ringsum völlig ent­sprechend sind. Wo die Berge im engen Kreise also anmu- thig sich runden, da sucht der Beschauer keine schnurgeraden Straßen im Thale, welche seine Phantasie ängstlich zu bannen suchen, keine Prachtbauten, keine Thürme, welche eifersüchtig gleich den schützenden Bergeswällen sich strecken und dem Raume die Luft zum Athmen benehmen; wohl aber möchte derselbe gern über einer mannichfach verschlungenen Heerde kleiner Häuser mit grünen Ranken, hin und wieder figürlich mit neuen rothen Ziegelsteinen ausgebesserten braunen Dächern, ferner dem durch reinlichen Verputz dnrchblickenden Balkenge­häuse und endlich dem das Ganze umgebenden Gartengelände hinsinnen: und das kann er hier.

Rechter Hand, ein Weniges entfernter, erhebt sich auf dem höchsten Berge der kleinen Runde das massenhafte, zerbröckelte Mauerwerk der Burg Nassau. Es trägt dieser Anblick nicht wenig dazu bei, das im Thale waltende Leben behaglich und gemüthlich erscheinen zn lassen.

Mehre Mühlen bergen jene Thâlchen, welche, wie oben erwähnt, zwischen jenen nahen südlich gelegenen Hügeln rhein- wärts das Land durchziehen. Nicht die geringste davon ge­hörte aber vor Zeiten dem Emmerich Schnurr, der sie als Erbstück mit Eifer und Ehre nach väterlichem Beispiele betrieb. Mit vier Hengsten fuhr man dem Werke ab und zu und da­bei war ein zu dem Gehöfte gehöriges Stück Land zu be- bauen, das seinen Besitzer noch wohlhabender erscheinen ließ. Prächtiges Rindvieh und Alles, was sonst zur Landwirth­schaft gehört, rundete das Gut zu einem Besitzthum ab, das in einem mächtigen Umkreise wenigstens seines Gleichen nicht fand. Ob es dem Inhaber ein zufriedenes Leben schaffte ? Auch Das schien der Fall zu sein.

Nur Wenige waren als Familie um Emmerich Schnurr. Eine rüstig wirkende, stille Frau stand zu seiner Rechten, ein blühender Knabe, das einzige Kind, zu seiner Linken und eine alte, ledige Base, die höchstens dann bemerkbar wurde, wenn