Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Xr. 21 Mittwoch den 23. Januar /S54.
O ^ie Lerstörung der ^srdenburg.
Erzählung aus dem Gebiet der Sage von Ä. S.
(Schluß.)
Während Agnese in unsäglicher Angst stand und den ! Himmel um Hülfe und Rettung anrief und mit tiefer Betrübniß der kranken Mutter gedachte, ging es in Limburg geschäftig zu, fast alle Bewohner hatte die Kunde des Räubers in Aufruhr gebracht und fast alle erschöpften sich in den Plänen, wie die arme Agnese aus der Gewalt ihres Räubers zu befreien sei; und Frau Bozze, als die Schreckensbotschaft in ihr Zimmer drang, als Nesens Begleiterinnen schreiend und händeringend den Vorfall berichteten, stand auf von ihrem Lager; der neue Schrecken hatte sie gesundet, gab ihrem Körper ueue Kraft. — Sie verließ ihr Haus und ging den Burgberg hinan und trat ungesäumt zu dem Herrn von Limburg; Gerlach weilte eben im stillen Familienkreise; Ima- gina saß auf seinem Schooße und wühlte dem geduldigen Vater im lockigten Haare; Iohannes kletterte an seinem Knie in die Höhe und machte da die ersten Studien der Reitkunst und die sorgsame Hausfrau Gerlachs bereitete dem Gatten einen stärkenden Labetrank; er war eben von einem Ritte heimgekehrt und ruhte im traulichen Kreise seiner Lieben. Herr, sagte Frau Bozze, ich habe eine einzige Tochter, Ihr kennt sie, meine Rese, und dies mein einziges Kind, hat mir ein schändlicher Bube geraubt; der Ardenburger hat mir meine Nese gestohlen! — Stummes Entsetzen hielt bei diesen Worten die Edelfrau und ihren Gatten gefangen und selbst die Kinder schauten ernst; als wüßten sie die Rede der bleichen Frau zu verstehen, die der tiefe Schmerz , der sich auf ihrem Gesichte kund gab, allen ehrwürdig machte. — Der Ardenburger hat Eure Rese gestohlen? betonte die Gattin Gerlachs, das ist ja schrecklich, abscheulich! — Das soll dem Ardenburger bös bekommen, sagte der Herr von Limburg und durchschritt sinnend das Gemach.
Ein eintretender Diener meldete Limburger Männer, die den Herrn unverzüglich zu sprechen wünschten. — Gerlach ' ließ sie ins Zimmer treten. •
Unserer Stadt ist eine große Schmach angethan worden so redete ein kräftiger Jüngling den Ritter an, eine unserer Jungfrauen, die Tochter des seligen Rathsherrn Bozze, hat der Ardenburger entführt, ich und meine Cammeraden sahen i ihn im Galopp mit der armen Agnese davonjagen; — und diese Schmach muß gerächt werden; Limburg darf sich nicht ungeahnt seine Töchter rauben lassen; die Frechheit darf nicht ungestraft regieren! — Gerlach, voll Entrüstung über den begangenen Frevel und voll Erbitterung über die seinem Hause angethane Schmach schwieg noch sinnend, — und der Sprecher fuhr fort; gebt uns ein paar Knechte zur Verfügung; wir wollen zuerst vor die Ardeuburg ziehen und die Jungfrau herausverlangen; ein paar bewaffnete Leute mehr, wird unserer Sendung mehr Nachdruck verleihen! — Gerne gewährte Gerlach die Bitte, denn er war längst dem Uebermuth des Ardenburger gram.
Dankend redete jetzt Frau Bozze zu der Schaar der Limburger und befahl ihnen Eile an. Schnell flogen die Rosse der muthigen Schaar über die Straße und bald kamen sie vor die Burg. Noch tobte der wilde Lärm aus dem Saale, als einer der Limburger dem Thurmhüter zurief, er wünsche Hartmutb von Dietze zu sprechen. — Doch jetzt nicht in der dunkeln Nacht?
Jetzt zur Stelle; sagt eurem Herrn, wir seien von Limburg und wir forderten seinen Raub zurück, oder! —• und erhob die Streitaxt und ließ sie schwer wider das äußere Thor fallen.
Die wüsten Gesellen fuhren von ihrem Mahle auf, als der Thurmwart diese Aufforderung brachte. — Gut, daß uns diese wieder an das Täubchen erinnern, sagte Hartmuth, hätten wir über unserem Zechen fast vergessen, dem Dämchen unsere Aufmerksamkeit zu erweisen, lachte er, und schritt zur Thüre. — Ei, die fürchtet sich; nur aufgemacht Neschen, der Hartmuth ist's! — Nese hörst Du, mach auf, rief er drohend; und die Tbüre fiel ein, als seiner Aufforderung nicht Folge geleistet wurde; ei, ei, die hat sich ja ein ganzes Bollwerk aufgeworfen, rief er grinsend; und unter den sehnigen Armen der rauhen Gesellen war bald der Durchgang frei und