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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Xr. 19,

Montag den 23. Januar

1854.

Q Die Zerstörung der ITrdendurg.

Erzählung aus vem Gebiet der Sage von K. S.

(Fortsetzung.)

Der Gefragte schrack leise bei dieser Frage zusammen, ein Anflug von Blässe deckte sein Gesicht, er biß sich in die Lippen; doch bald hatte er seine Ruhe wieder errungen und erwiderte in scherzendem Tone: Was ich gethan und geredet habe, hm, das ist eine eigene Frage und wenn Ihr darüber immer genaue Rechenschaft wünschet, so muß ich wohl eine Schreibtafel mit mir tragen um alles genau auzuzeichnen, denn seht, was man heute zu Tage zu thun hat ist gar nicht der Rede werth, hat gar keine Bedeutung; den Bettlern ein paar AlbuS schenken, einem Bauer den Zehnten nachlassen, einem lässigen Diener den Kopf zurecht setzen, eine Fasten­suppe verzehren; das wäre wohl die Summe aller wichtigen Thaten, die mir die letzte Woche zu vollbringen gab, womit ich die Zeit ausfüllte; wirklich, wer heute Thaten verrichten will, der muß das Kreuz nehmen und nach Palästina ziehen; seht, wenn ich nicht dächte, in stiller Häuslichkeit läge ein größeres Glück, als in Waffcnthaten und Waffenruhm, ein liebes Weib besitzen, sei besser, als Türkenköpfe abschlagen, ich würde auch hinausziehen und das Andenken meiner Ahnen rühmlich ehren. Da habt Ihr mir aus der Seele ge­redet, sagte Frau Bozze ernst, der Kampf um das Grab un- seres Herrn ist zwar eine heilige, eine große Sache; aber nicht alle können hinausziehen sich solchen Ruhm zu erwerben, und es muß auch Männer geben, die ihre Kampfbegier weise mäßigen und zum Schutze des Vaterlandes, zum Schirme wehrloser Frauen dastehen, denn es ist schändlich wie der Böse umgeht und Arges beginnt; Ihr habt wohl die Gräuel- geschichte vernommen, die auf der Ardenburg vorging, Ihr wohnt der Burg ja näher als wir und Ihr könnt uns gewiß etwas bestimmteres erzählen. Hartmuth war wie vom Donner gerührt als Frau Bozze also sprach; und von einer schrecklichen Folter befreite ihn die Einladung Nesens, die zum Vesperbrode rief. Geh' doch Mutter, laß die Schreckens- j geschichte, sagte sie abwehrend, das ist gar kein Gerede am j

Ostertage und Hartmuth wird froh sein, so wenig als mög­lich von solchen Gräuel zu reden.

Da hast Du ganz recht Kind, sagte Hartmuth, der in den weniger erleuchteten Theil des Zimmers getreten war, seine Blässe zu verbergen und der ein geübter Heuchler, seine Fassung bald wieder erlangt hatte, die Welt hat jetzt so Unangenehmes zu besprechen und zu verhandlen, daß man wahrlich sich freuen muß, ein trauliches Plätzchen zu finden; in dem sich uns, ferne dem tollen Treiben und Leben, eine schönere Welt erschließt, eine Welt des Friedens und der ungetrübten Seligkeit!

Unter heiteren harmlosen Gesprächen verbrachte man die übrige Zeit, verzehrte man das wohlbereitete Vesperbrod.

Hartmuth wußte Nesens Geschicklichkeit, mit der sie das feurige Getränk bereitet, nicht genug hervorzuheben und er bedauerte nur, daß er so wenig davon genießen könne, da er schon bei der Mittagstafel getrunken habe und des Guten nicht zu viel thun wolle; frauenhaft nippte er an dem Glase und sprach mehr dem Backwerk als dem Weine zu.

Als die Dämmrung einbrach und die Glocke den Abend - fegen läutete und Frau Bozze ein Gebet sprach, stand auch Hartmuth auf und sprach ihre Worte mit andächtig gesenktem Haupte nach.

In Seligkeit hing Nesens Auge an dem Geliebten!, jedes seiner Worte hallte nach in ihrem Herzen und grub sich tief in ihr Gemüth. Seine Sprache war so edel, seine Rede athmete so viel Gefühl, führte so entzückende Bilder vor ihre empfängliche Seele, daß sie nicht müde wurde seinen Worten zu lauschen. Wenn Frau Bozze die Rede auf die Räubereien nud Schändlichkeiten , die in der letzten Zeit so oft verübt wurden und das Tagesgespräch bildeten, lenkte, so wußte er immer geschickt auszuweichen und dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, so daß Agnese nicht genug des Junkers Zartgefühl bewundern konnte, mit dem er ihrer reinen Seele schonte, mit dem er jedes trübe Bild, vor ihrem Blick ver» hüllte; schonend ging er über Fehler Anderer hin und stets wußte er entschuldigende Einreden, wenn Frau Bozze in gerech­tem Zorne gegen die Frevler und die schändlichen Buben redete.

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