Einzelbild herunterladen
 

Der WäßOerer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Donnerstag den IS. Januar

Kr. 16,

/S5*

Dèlder aus Schwaben.

Die alten Häuser von B.

(Fortsetzung und Schluß.)

V.

Das fürstliche Schloß.

Von Rechtswegen und der Rangordnung nach hätte ich unter den alten Häusern von B. zuerst das fürstliche Schloß oder Schlößchen vorführen sollen; aber die Familientraditionen des Klosters haben gar zu heimathlich dahin gewinkt, und dann erfordert es ja bei manchem Aufzug das Ceremoniel, daß das Vornehmste zuletzt kommt.

Von dem Schlosse ist in architektonischer Beziehung nicht viel zu berichten; cs hat weder die anmuthiae Eleganz neuer, noch die feierliche Pracht oder den mährchenhasten Zauber alter Schlosser. Nur die hohen Kastanien, die schattigen Gänge des Schloßgartens sind von einem poetischen Hauch durchweht. Es zeigt so eine Art von Zopsstyl, obwohl seine Erbauung eigentlich noch vor die Zopfperiode fällt. Auch die historischen Notizen über seine Erbauer und Bewohner will ich vaterländischen Chronisten überlassen. Zur Zeit, aus der meine Bilder genommen sind, war es Wittwensitz und bewohnt von der Frau Fürstin, dem Mittelpunkte, der Sonne, des Städtchens. Eine müde Sonne war es nun freilich, uahe am Untergeben; gerade darum aber ließ sich's leichter hineinschauen, und kein Auge konnte geblendet, keines verletzt werden von dem höchst bescheidenen Glanze, der sie umgab.

Das Leben dieser Frau gehört der Geschichte Schwabens an, und ihre romantische Iugendgeschichte ist schon vielfach zum Thema für Dichter und Schriftsteller geworden, darum möge sie hier ruhen. Sie hatte den Glanz ihrer frühern Jahre theuer erkauft mit schweren innern Kämpfen und mit Vaterfluch Ihr Vater war ein alter, ehrenfester Edel­mann, dem in sehr gesunkenen Verhältnissen seine ritterliche Ehre der letzte Schild und Trost war. Er hatte es für keinen Flecken dieser Ritterehre gehalten, seine Tochter, als Opfer dieser Verhältnisse, in blühender Jugend einem rohen

Gatten hinzugeben; aber daß sie gewagt, selbst ihre Bande zu lösen, daß sie die Freundin ihres Fürsten geworden, noch ehe sie seine Gemahlin ward vor Gott und der Welt das konnte er ihr bis in seinen Tod nicht vergeben. Erst nach diesem war es ihrer Mutter vergönnt, ihr geliebtes Kind zu besuchen, und auch sie hatte solches Grauen vor dem Weg, auf dem ihre Tochter zu dieser Höhe gestiegen war, daß sie nie mit den Titeln von ihr sprach, die ihr nun mit Recht zustande», nie von den Vorrechten ihres hohen Standes, der fürstlichen Equipage u. dgl. Gebrauch machte. Sie kam nie anders als in einer einfachen Miethkutsche zu ihrer Tochter, so daß einmal der Kutscher, als der Herzog mit glänzendem Gefolge vorüberritt, diesem zutraulich zurief:Eur' Durch­laucht, d'Schwieger hab' ich gestern gut heimbracht."

Doch, wie gesagt, die Iugendgeschichte der Fürstin mit ihren Licht- und Schattenseiten möge hier ruhen. In B. war sie nur die wohlthätige Fee des Städtchens, hier ge­dachte man ihrer nur als des guten Engels ihres Landes und ihres Gatten, der Gefährtin seiner besten Lebensperiode; hier verlebte sie im Stillen den Rest ihrer Tage,eine rechte Wittwe", in stetem, treuen Andenken an ihren geliebten Herrn.

So wenig ihr aber auch von dem Lärm und Pomp ge­blieben war, der die Tage ihres Glanzes umgeben, ein Hof mußte dennoch gehalten werden. Die steifen Formen ihrer Zeit waren ihr so sehr zur andern Natur geworden, daß sie sich nimmer ohne dieselben bewegen konnte; auch mochte es ihr wohl thun, sich bis zu ihrem Tode unverändert in der würdevollen Stellung zu erhalten, in der nicht ihr Stolz nur, nein auch ihr innerstes weibliches Gefühl allein wieder seine Befriedigung gefunden hatte. So ging sie nie zu Fuß in das Städtchen; aber sie fuhr täglich aus, gezogen von vier Schimmeln von so ehrwürdigem Alter, daß ihnen die gegen­seitige Assistenz wohl zu gönnen war, und die, trotz alle dem, daß ihrer vier waren, so sehr sachte trabten, daß der Läufer, der stets dem Wagen vorausging, sich nie außer Athem ren- nen durste und ganz und gar fett wurde bei seinem bewegli­chen Metier.

Selbst die Ergüsse ihrer liebsten Herzenöneigungen waren