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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Skassa urschen Allgemeinen Zeitung.

Mr. 15 Mittwoch den 18. Januar /sm.

Silber aus Schwaben.

Die alten Häuser von B.

(Fortsetzung.)

Nur Ein Band gab es, das den scheuen Freiherrn noch mit den Menschen verband, nur Eine Freude, der er nicht entsagt hatte die des Wohlthuns. Wo er eine bekannte oder verborgene Notb erfuhr, da war seine Hand stets offen, natürlich so still und verborgen als möglich. Viel Freude konnte nun freilich auch nicht dabei sein, da er fast nie den Dank aus eines Armen Munde selbst empfing, aber doch ist wohl manch stilles Gebet für ihn emporgestiegen, und hat einen Friedenshauch in sein verdüstertes Dasein gebracht, ohne daß er wußte, woher er ihm gekommen.

Außer den Armen war ihm wohl Niemand so gewogen wie die Lichtzieher, die gern der halben Bevölkerung zu Gun« sten ihres Gewerbes eine so misanthropische Laune gewünscht, hätten; wie es denn überhaupt eine heitere und daneben eine höchst leidige Eigenschaft des Menschenlebens ist, daß jedes Misère des Einen für den Andern eine Lichtseite ist. Wir sind ein Raubvogelgeschlecht, wo vom Generalfeldmarschall bis zum Todtengräber sich jeder von einem Stückchen mensch­licher Vergänglichkeit oder menschlichen Jammers nährt. Ich hörte eine Frau Apothekerin einst ganz ärgerlich sagen:jetzt kommt d'Eholera erst nicht!" Hagelwetter und Katzenmusiken sind die Blüthezeit der Glaser, bei derherannahenden Sai­son der Rheumatismen" preisen diewollenen Waarenhänd- ler" vergnügt ihre Waaren an, die zerrissenen Stiefel, die den Jungen Schläge und Schelle eintragen, helfen den Kin­dern des armen Schusters zu ihrem täglichen Brod; und so war das verstörte Gemüth des Freiherrn, das ihm das Tageslicht verhaßt machte, ein rechtes Labsal für einen Nach, bar Seifensieder, der sonst die gutmüthigste Seele von der Welt war.

Alle Lichter brennen aus, so auch das Lebenslicht des al­ten Freiherrn. An einem kühlen klaren Herbstmorgen öffneten sich zum erstenmal die Fenster und Laden im Herrenbau, zum

erstenmal fiel das Sonnenlicht auf das Lager des alten Herrn, als die Leichenschau es umstand, um sich von seinem Tode durch Schlagfluß zu überzeugen. Ein entfernter Vetter wurde herbeigerufen, um des Freihcrrn Erbe in Besitz zu nehmen, das man nach seinen Spenden an die Armuth für viel reicher gehalten als sich nun zeigte.

Der junge Baron hatte seinen Vetter im Leben nicht ge­kannt, aber im Tod interessirte er sich sehr für ihn, er hatte Sinn fürs Romantische, und hätte gar zu gern gewußt, was denn den alten Herrn zu solch' einem verfehlten Dasein voll Nacht und Trübsal gebracht. Der Freiherr aber hat sein Ge­heimniß mit in das Grab genommen, den Johann hatte er erst kurz vor seiner Ankunft in B. gedingt, und so war Nie­mand, der Aufschluß geben konnte.

Nur das Bild einer wunderschönen Dame, das sich im verborgensten Fach eines Schreibtisches gefunden, soll Kunde gegeben haben, daß der Freiherr wohl nicht sein Leben lang so tiefen Abscheu vor Frauen gehegt. Ein unverbürgte- Gerücht sagt, daß der junge Erbe an dem Hofe, wo der Freiherr seine Jugend verlebt, einiges erfahren, was das Räthsel lösen konnte: eine alte leidige Geschichte, wie sie bei dem früheren Leben an Höfen wohl nicht die erste war und nicht die letzte blieb; die Geschichte von einem lebensfrischen jungen Pagen, der jahrelang mit der reinen Gluth einer jungen Seele, mit stiller hoffnungsloser Treue zu einer stol­zen Schönheit aufschaut, und der endlich durch ein fürstliches Fürwort mit Einem Schlag au das Ziel seiner Wünsche ge­kommen war.

W a s es aber gewesen, was die schöne Braut, deren Stolz sich in demüthige Liebe verwandelt, am Hochzeitmorgen dem überseligen Bräutigam anvertraut, das ist nicht mehr über seine Lippen gekommen. Ein dunkles Geheimniß muß es ge­wesen sein, daß es ihn an demselben Tag fortgetrieben von Braut und Hochzeitfreude, fortgetrieben für all sein Leben lang von dem klaren Sonnenlicht und dem holdseligen Frauenant­litz, von aller Liebe und häuslichen Freude.

Des Freiherrn altes Wappenschild ist glänzend und flek- kenlos auf seiner Bahre gelegen, von dem Geschick jener schö-