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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Är. 14,

Dienstag den 17. Januar

1854.

Silber aus Schwaben.

Die alten user von B. (Fortsetzung.)

IV.

Der Herrenbau.

Der Herrenbau war nicht so wundersam und mâhrchenbaft wie der Freihof, doch war wenigstens ein Theil seines Innern noch viel geheimnißvoller und unergründeter.

So wie ich mir's denken kann, ist es ein altes statt­liches Gebäude mit eiiigeschlosseiicnl Hofraum, auf einer Seite von hohen Bäumen beschattet, so dicht, daß fast kein Tages- strahl hereindringen konnte. Der untere Theil war gleichgül­tig, prosaisch, der wurde vermielhet an Jedermann, oben aber da bauste der düstre, geheimnißvolle Freiherr mit seinem ap teil Diener und dem war es eben recht, daß kein Sonnenlicht eindrang.

Eine eigene geheimnißvolle Region begann in dem obern Stock, wo nie ein anderer Tritt als der des Freiherr« und ' seines Johann gehört wurde; Jahr aus, Jahr ein waren Tag und Nacht Fenster, Läden und Borhänge dicht verschlossen, Jahr aus, Jahr ein brannte Licht in den Zimmern des alten Herrn.

Man wußte gar wenig von dem Freiherrn, nur Ein Zug von ihm war der bekannteste, seine entschiedene Frauenfeind­schaft. Kein weiblicher Dienstbote, keine Frauensperson unter irgend welchem Vorwand durfte je die Treppe betreten, rasch und scheu schritt der Freiherr vorüber, wenn ihm eine der Hausbewohnerinnen vom untern Stock begegnete. Der Jo­hann verrichtete mit ängstlicher Genauigkeit alle Dienste, die sonst von Frauenbünden geleistet werden, und mit schaden» frohem Hohnlachen sahen die Mägde der Nachbarschaft zu, wie die steife Figur in der Livree und gepuderten Haaren müh­selig, aber mit großem Anstand, den Wassereimer die Treppen herauf schleppte, den Vorplatz kehrte, oder Gemüse für die Küche wusch.

Als getreuer Diener seines Herrn hielt sich der Johann

für höchst verpflichtet, den Frauenhaß desselben zu theilen, ob­gleich er dessen Gründe nicht kannte, und keine eigenen dafür hatte. Die Wäsche des Herrn, zu deren Reinigung er sich doch nicht selbst verstehen konnte, stellte er der Wäscherin in's Haus, wenn sie nicht daheim war, und nahm sie mit mög­lichst gedrängter Kürze in Empfang; hatte er Einkäufe auf dem Markt oder in Läden zu machen, so besprach er sie am liebsten mit dem männlichen Personal. Dafür mußte er aber von dem beleidigten Frauengeschlecht, den Mägden am Brun­nen und den Marktweibern manche spitzige Redensart hören: ein Wunder, Herr Johann, daß er seinem Herrn nicht auch Ochsenmilch und Gockelseier verschafft!"Er hätte gar nicht nöthig, so kostbar zu thun , solche wie Ihn gibt's noch genug, wenn der Markt verlaufen ist!" u. s. w. Johann nahm alle dergleichen Sticheleien mit ruhiger Verachtung hin, er wurde ganz vergnügt, daß er nun doch einen Grund für seinen Weiberhaß bekam, und es that ihm nur leid; daß er sich gegen keine gleichfühlende Seele darüber aussprechen konnte. Denn der Freiherr war kein Freund von Worten, und als der Johann ein einzigmal unaufgefordert eine vertrauliche Be­merkung wagte, mit der er gewiß Glück zu machen hoffte, und im Ton militärischen Respects gegen den Freiherrn äu­ßerte:aber, gnädiger Herr, die Weibsleut, sind doch ganz grausig unverschämt!" hatte ihn der mit so seltsamen Augen angeschdut, daß das die letzte blieb.

Auf's tiefste empört war der Johann, als sich Herr Meuret in das Parterre des Bau's einquartiert hatte, und Madame Meuret ihre Strickschule mit kleinen Mädchen da errichtete, dießmal konnte er nicht schweigen.Wissen der gnädige Herr, daß die französische Madame ein ganzes Rudel kleine Mäd, chen hereinbringt? befehlen der gnädige Herr nicht, daß man sie fortjagt?" Der Freiherr schüttelte den Kopf und begnügte sich, dem Kinderschwarm auszuweichen, alleiqal wenn er an­rückte; einmal aber geschah es, daß er eines der Mädchen, das sich verspätet, auf die Achsel klopfte und ihr ein uraltes Bonbon schenkte, eine Begebenheit, die lang Epoche machte in der Strickschule.

Der Ton der Klingel, der Sommers und Winters früh