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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Är, 13

Montag den 16. Januar

1854.

Silber aus Schwaben.

Die alten Häuser von B.

(Fortsetzung.)

III.

D er Freihof.

Der Freihof war ein altes, hochgelegenes, ziemlich unan­sehnliches, burgähnliches Gebäude, das nur weibliche Jnsaßen hatte. Das Innere des Hauses hatte aber für Alt und Jung einen eigenthümlichen Reiz, und besonders für die Kinder war ein Gang zum Fräulein vom Freihof fast ein eben so großes Fest als eine Einladung zur Frau Fürstin, von der ich später zu sprechen habe. Eine seltsame, längst verschollene Welt schien sich aufzuthun, wenn das hohe Hoflhor geöffnet wurde von der uralten Dienerin, Kammerfrau, Gesellschafterin und Haus- Hofmeisterin in Einer Person, die mit Hülfe einer jungen, sechzigjährigen Tochter das Hauswesen besorgte und die Per­son des Fräuleins bediente. Zwei verhältnißmäßig gleich alte Hundeveteranen folgten dieser auf allen Schritten.

Hier schien wie in Dornröschens Schlosse durch einen Zauberschlag die Zeit sestgebanut worden zu sein. Die Zim­mer waren zierlich eingerichtet mit prächtig bemalten Hautelisse- tapeten, Tabourets, Causeusen und all den alten Herrlichkei­ten, welche erst die Mode der letzten Jahre wieder zu Ehren gebracht hat. Daneben gab es noch allerlei merkwürdige Kunst­werke, die den Kindern wie wahre Zaubereien erscheinen, be­sonders das kleine Bergwerk in einem Glase mit zahllosen arbeitenden Bergmännchen, das durchlaufenden Sand in Be- wegung gesetzt wurde. Herrlich war der Garten mit verschnit­tenen Taxushecken, Springbrunnen mit Meerfräulein und kunst- reich verschnörkelten Gängen und Blumenrabatten, wie sie jetzt ein Gärtner schwerlich mehr zu Stande brächte. Jn- mitten dieser alten Pracht schaltete und waltete das Fräulein, gleich ihrer Dienerin ganz unverändert in die Tracht ihrer Jugend gekleidet, mit hochfrisirten, gepuderten Haaren, Poschen und Kontuschen, Schönpfllästerchen auf den geschminkten Wangen, recht als wäre sie leibhaftig aus dem Rahmen des

lebensgroßen Bildes herausgetreten, das in ihrem Prunkzim­mer hing.

Die unvergängliche Schönheit der schlafenden Königstoch­ter schien nun freilich dem Fräulein nicht verliehen zn sein; sie konnte ihre neunzig Jahre nicht verleugnen. Indessen trug sie die Last ihres Alters leicht und trippelte auf ihren hohen Absätzen noch flinker umher als dasMädchen", wie die sechzigjährige Tochter der Kammerfrau von ihr und von dieser genannt wurde.

Ihr Geschick hatte in Wahrheit einige Aehnlichkeit mit dem des Dornröschens. Ihre Altersgenossin und Lebensgefährtin, die Kammerfrau, hat es der Großmutter einstmals im Ver­trauen erzählt, als diese da« jugendlich« Bild dcS QinuRiud betrachtete, dem dieses jetzt noch auf ein Haar glich, die Schön­heit abgerechnet.Sie werden sich wundern", sprach die Alte,daß mein Fräulein, die noch schöner war als ihr Bild­niß, und so reich dazu, sich nicht verheirathet hat. Ich sage Ihnen, Freier hat sie gehabt mehr als Tage im Jahr, schöne darunter und vornehme und reiche, und Alle hat sie fortge­schickt. Damit hat es aber seine eigene Bewandtniß, was Niemand weiß außer mir, und Ihnen will ich's sagen. Es ist, ich weiß nicht mehr wie lang her, ich war dazumal ungefähr fünfzehn und mein Fräulein sechzehn Jahre alt, da hab' ich sie nach dem Befehl der hochseligen Frau Mut­ter auf einer Promenade begleitet. Wir waren weit ab vom Hause gekommen und die Dämmerung brach schon herein, da begegnete uns eine alte schwarze Zigeunerin, die als Wahr-" sagerin bekannt war. Mein Fräulein bekam aus einmal Lust, ihre Zukunft zu erfahren, nnd streckte der Alten die Hand hin zum Wahrsagen. Obgleich sie etwas abseits gingen, konnte ich doch die Worte gar wohl verstehen:Hüt' dich wohl, schönes Jungfräulein, einem geringen Freier zu folgen; kein anderer als ein Kaiser wird dich heimführen. Laß dich das Warten nicht verdrießen, kommt er auch spät, so kommt er doch gewiß."

Auf dem Heimweg war das Fräulein sehr nachdenklich; sie erzählte mir, wie diese Prophezeiung zusammentreffe mit einem wunderbaren Traum, den sie unlängst gehabt; sie ver-