Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Är. 12
Samstag den 14. Januar
1854.
Vilder aus Schwaden.
Die alten Häuser von B.
(Fortsetzung.)
Das war Alles, was Hermine über die Lebensgeschichte der Tante hörte, und es steigerte nur ihre Neugierde, das eigentliche Wort des Räthsels zu wissen. Diese Neugierde verklärte sich zu einem Gefühl des tiefsten innigsten Antheils, als sie in der unmittelbaren Nähe der Tante, unter dem Einfluß dieses ruhigen, klaren, innig frommen Gemüthes stand; nie aber hätte sie eine Frage gewagt.
Tante Marie hatte übrigens ihren Zustand richtig beurtheilt, ihre Gesundheit war gebrochen, ihr Leben einer langsamen Zehrkrankheit verfallen. Bald wurde ihre Schwäche so groß, daß sie das Bett nicht mehr verlassen konnte. Hermine ließ sich das ihr liebe und heilige Amt der Pflege nimmer abnehmen; das Verhältniß zwischen Tante und Nichte wurde immer inniger, das Muttergefühl, das Marien versagt war, schien in ihr für dies jnnge Mädchen erwacht zu sein.
Es war in der Zeit des beginnenden Herbstes, die so leicht Kranke dieser Art hinrafft; — eine recht stille Abendstunde, Hermine saß an dem Bett der Kranken, lautlos ihre Züge beobachtend, da schlug Marie die halbgeschlossenen Augen auf: „Kind, hast Du an den Professor geschrieben?" „Ja, Tante, gleich nachdem Sie es gewünscht." „Es ist gut, ich glaube, er kommt bald," sagte sie mit sanftem Lächeln. Herminen stiegen die Thränen in's Auge, ihr Herz war zum Ueberfließen voll; zum ersten Mal wagte sie ein weiteres Wort: „Tante, liebe Tante, wenn Sie sich so freuen auf ihn, warum? o warum? o, Sie hätten ihn gewiß recht glücklich gemacht!"
Marie legte sanft ihre Hand auf die des weinenden Mädchens. „Liebes Kind, ich lebe nicht mehr lang, Du hast mich so lieb gehabt, Du sollst mich nicht für launig, für sclt- sam halten, ich will Dir sagen, was ich Niemand noch gesagt; — rück' näher, Kind, ich kann nicht lang und nicht laut reden, — schiebe die Lampe zurück." —
„Hermine, ich war jünger als Du, noch ein Kind, als ich so an meiner Mutter Sterbebett saß, wie Du hier an meinem. Aber mir starb mit der Mutter mein Alles, ich war außer mir vor Schmerz, ich glaubte sie dem Himmel «bringen zu können mit meinem Gebet. Die Mutter allein hatte noch die Macht, mich zu beruhigen. In jener Nacht sprach sie recht lang und herzlich mit mir, und wies mich auf den festen, tiefen, innigen Glauben hin, der ihres Lebens Glück und Trost gewesen war, aber mein Schmerz brach immer wieder aus: „Mutter, o liebe Mutter," rief ich, „wie soll ich fromm bleiben, wie gut werden ohne Dich, versprich mir, daß Du wieder zu mir kommen willst auch noch vom Himmel." „Kind," sprach sie ernst, „Du weißt nicht, was Du bittest, das liegt nicht in Gottes Willen, Gott hat unS Licht genug gelassen für unsern Weg. Aber ich verspreche Dir," sagte sie mit wunderbar klarer, heller Stimme; „wenn Gott es zuläßt, so komme ich zu Dir, wenn Deine Seele in Gefahr ist!" — Das waren ihre letzten Worte."
Die Kranke ruhte längere Zeit, dann begann sie wieder in kürzeren Pausen: „Hermine, ich habe den Ludwig unbeschreiblich lieb gehabt, — mehr als ich sagen kann. — Ich wußte, daß er meinen Glauben nicht ganz theile; — das that mir weh, aber ich dachte nicht daran, ihn darum aufzugeben; — er war ein edler Mann, — ich vertraute auf die Macht der Liebe, — Gott werde ihn durch mich wieder zum Glauben führen. Aber Kind, das ist schwerer, als man glaubt. Ludwig ist ein glänzender, reich gebildeter Geist; die Ansichten eines gebildeten Mannes sind wunderbar hinreißend; — ich vermied die Besprechungen über diesen heiligsten Gegenstand nicht, ich wollte ihn ja bekehren. — Allmählig schlichen sich diese Ideen, „der Geist des Christenthums" , wie er es nannte, in meine Seele, — ich glaubte Ludwig, so lang ich ihn hörte, — war ich allein, so fühlte ich, daß das nicht Wahrheit war, — aber den Stern, der mir seither geleuchtet, fand ich nimmer, — ich konnte nicht mehr aufblicken wie das Kind zum Vater; — ich war oft innerlich unglücklich, — aber ich dachte nicht daran, Ludwig aufzugeben. — An jenem Abend sagte ich ihm Alles, was mein Herz bekümmerte und