Belletristisches Beiblatt zur MaWauischen Allgemeinen Zeitung.
Nr. 11,
Freitag den 13. Januar
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craons
Bilder aus Schwaben.
Die alten Häuser von B.
(Fortsetzung) ,
„Du weißt, daß Marie das jüngste von uns Geschwistern ist, auch war sie daheim das Nesthäckchen und der Liebling, so lang unsere selige Mutter noch lebte; wir zwei älteren Schwestern waren schon verheirathet und Marie noch nicht ganz vierzehn, als die Mutter starb. Sic war eine vortreffliche, fromme Frau gewesen und der Tod war uns allen ein tiefes Leid, die Marie aber war ganz trostlos. Von nun an hatte sie wenig Freude mehr daheim, unser Vater war ein wenig mittheilender heftiger Mann, der ihrem Herzen nie nah gekommen war, nach kurzer Zeit verheirathete er sich wieder, und jetzt kann ich Dir's schon sagen, daß wir Alle die zweite Mutter nie recht lieb gewannen. Sie war gar nicht bös, aber launig und oberflächlich; in den ersten Wochen zehrte sie die Marie fast auf vor Liebe, nachher ließ sie sie gehen, that ihr nichts zu Lieb oder zu Leid mehr, und so wurde daS Mädchen immer stiller und außer iheem Religionslehrer verkehrte sie am liebsten mit ihren Blumen und Büchern, doch konnte sie recht heiter sein, und sie war ein sehr hübsches Mädchen, so wenig sie aus sich machte.
„Seh ich ihr gleich, Mama?"
„Du, bewahre! Du bist nicht halb so hübsch, und kannst Dich nicht so nett und einfach kleiden wie Marie. Nun, der Doctor R., eben der Professor, lernte die Marie kennen auf einem Ferienbesuche, den er hier machte, sie fanden beide Gefallen an einander, Niemand hatte etwas einzuwenden, wir hieltens alle für ein rechtes Glück, daß sich Marie in ihrem achtzehnten Jahre mit ihm verlobte. Jetzt lebte die Marie erst recht auf und ward eine Person von Bedeutung in der Familie, dem Vater, dem Bruder und den Schwägern schienen erst die Augen auszugehen über ihre Liebenswürdigkeit, ihren Verstand und die Bildung, die sie sich in aller Stille erworben hatte. Die Mutter bekam einen heftigen Anfall von mütterlicher Zärtlichkeit und besorgte mit Eifer die Ausstattung.
„Die Marie blühte wie ein Röslein; mit ihrem Geschmack an Büchern, nnd Lesen und Studiren war sie bei dem Doctor ganz an den Rechten gekommen, die zwei wurden viel geplagt mit ihren Studien und gelehrten Gesprächen, sie schrieben einander ganze Pferdelasten von Briefen, der alte Stadt- böte mußte noch einmal öfter in der Woche auf's Postamt fahren, — mitunter waren sie freilich auch recht kindisch zusammen; es war Alles recht und gut, doch fiel mir's auf, als ich längere Zeit hier war, daß Marie gar selten mehr den Stadt- pfarrer besuchte und so äußerst still und schüchtern in seiner Gegenwart war.
„Etwa ein halb Jahr waren sie versprochen, als R. einen Ruf auf die Professorstelle in *** bekam , da war nun der Jubel vrMommen, und der Hochzeittag ward festgesetzt. Marie freute sich wie ein Kind auf ihr eignes neues Hauswesen, das Hochzeitkleid war fertig und das Aufgebot bestellt.
„Da kam der Professor, um vor seinem Abzug noch einen Besuch bei der Braut zu machen, ehe er käme, um sie heimzuführen. Marie war wie immer heiter und zärtlich. Der Professor mußte in der Nacht mit dem Eilwagen abreisen, und das Brautpaar machte Abends noch einen langen Spaziergang zusammen, ich glaube, es war auf den Kirchhof, wohin sie auch sonst gern gingen. Marie kam ganz lebendig und aufgeregt heim von ihrem eifrigen Gespräch, und sie nahmen einen so zärtlichen, liebevollen Abschied wie immer.
„Am andern Morgen, ich war damals auf Besuch beim Vater, kam die Marie so bleich zum Frühstück, daß wir Alle erschracken, obgleich wir es der Trennung zuschrieben. Die Mutter wollte sie aufheiteru und sagte: „Morgen, Marie, wollen wir nach S. fahren, um Deine Sachen vollends zu besorgen, wir haben nur noch vier Wochen bis zur Hochzeit." Da sagte die Marie ruhig, aber mit leiser Stimme: „Sie werden keine Mühe mehr haben, Mutter, ich werde gar nicht Hochzeit haben."
„Da saßen wir Alle und starrten sie an mit offenem Mund, wir hätten sie für verrückt gehalten, wenn sie nicht so gar I sanft und ruhig den ganzen Sturm von Fragen und Vorwür-