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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeine» Zeitung.

ar. 10. Donnerstag den 12 Januar js«^.

Silber aus Schwaben.

Die alten Häuser von B.

(Fortsetzung.)

In des Malers sonst so ruhiger Seele reifte ein Ent­schluß, den Niemand bei dem heitern, gleichmüthigen Manne vermuthet hätte. Er beschloß, sein Leben selbst zu enden. Ganz im Stillen, anscheinend mit vollkommener Seelenruhe, bereitete er die Ausführung des dunkeln Gedanken- vor und brachte alle seine zeitlichen Angelegenheiten in Ordnung mit der scrupulösen Pünctlichkeit, die lebenslänglich ein Character- zug an ihm gewesen war. Aber nie wurde wohl der eigenmächtige Beschluß eines Menschenwillens in so wunder­barer und trauriger Weise verhindert und befördert zugleich, al- der Vorsatz des Malers.

Er war schon längere Zeit vom Hause des Großvaters fern gewesen, als eines Tages statt des erwarteten Korbs ein Brief von ihm kam nebst feiner goldenen Taschenuhr. Neben sonst ganz gleichgültigem Inhalt deS Briefes bat er den Großvater, die Uhr als Vergütung für ein kleines Darlehen anzunehmen. Der Großvater war ärgerlich und gekränkt über dieses Verfahren eines Freundes, den er nie gemahnt habe; noch aber stieg keine Ahnung des wirklichen Grundes in ihm auf. Wenige Tage nachher kam ihm die Kunde zu, daß in B. am Neckarufer eine fast unkenntliche Leiche ge. funden worden sei. Jetzt erst ging ihm ein Licht auf über das Geschick seines unglücklichen Freundes. Er eilte hin und erkannte die durch schwere Wunden und langes Liegen im Wasser sehr entstellte Leiche weniger an den Zügen als an des Malers Lieblingsdose, die sich noch bei ihm fand. Aber ein dunkles Räthsel schien auf dem Tode des Mannes zu liegen. Daß er beabsichtigt, sich selbst zu todten, das stellte sich durch tausend kleine Umstände seiner letzten Lebenstage unzweifelbaft heraus, und doch trug die Leiche Wunden, die eben so wenig durch seine eigene Hand, als durch das lange Umhertreiben deS Körpers im Wasser entstanden sein konn­ten. Woher nun diese? Der Maler war der sriedfertigste

Mensch von der Welt gewesen; wer konnte seiner eigenen Hand auf solche Weise vorgegriffen haben?

Erst einer Untersuchung späterer Jahre, die auS ganz andern Gründen geführt wurde, war es Vorbehalten, diese-1 Geheimniß an's Licht zu ziehen. ES lebte in der Nähe von B. ein Wirth, der eine so wunderbare Aehnlichkeit mit dem Maler hatte, daß er oft mit ihm verwechselt wurde, so wenig sonst Verwandtes war zwischen dem anständigen, ge­sitteten Maler und dem rohen, jähzornigen Wirth. Dieser hatte wenige Tage vor dem Ende des MalerS mit ein Paar Schiffern von H., gleichfalls rohen und wüsten Gesellen, einen heftigen Streit gehabt, der damit endete, daß er sie zum Haus hinaus werfen ließ, worauf sie ihm blutige Rache schworen.

Am Morgen des Tages, wo der Maler vor Sonnenauf­gang hinaus ging, um sich selbst zu Grabe zu tragen, traf er am Neckarstrand die Schiffer, die mit wilder Gier auf ihn, als den vermeinten Gegenstand ihres blutigen Hasses, losstürz­ten. Ob sie in ihrer Wuth nicht- achteten, was sie über ihren Irrthum hätte belehren können, ob der Maler, froh daß ihm die eigene That erspart war, sich selbst enthielt sie zu enttäuschen, das weiß Niemand. So ist dem friedlichen Künst. ler ein dunkles und blutiges Ende geworden. Möge er einen milden Richter gefunden haben an dem, der Herzen und Nie­ren prüft und der nicht gewollt, daß ihn der eigene Schritt vor der Zeit zum Tode führen sollte! In der Familie des Klosters ward ihm ein freundliches Andenken bewahrt, und in manchem schwäbischen Hause wird bei diesem Umriß, der Wahrheit gibt, keine Dichtung, die Erinnerung an den gemüthlichen heimischen Künstler wieder aufleben. Mir sei vergönnt, mit seiner traurigen Geschichte das Kloster zu schlief sen und euch hineinschauen zu lassen in ein Paar andere alte Häuser von B.

II.

Das stille Haus.

In einer stillen Seitenstraße der sonst geräuschvollen klei­nen Stadt stand ein unscheinbares Haus, das man für unbe­wohnt hätte halten können, so wenig Bewegung und Geräusch