Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Nr. 9.
Mittwoch den 11. Januar
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Silber aus Schwabe«
Die alten Häuser von B.
(Fortsetzung.)
Der Maler.
Wie viel gebetene und ungebetene Gäste auch das Kloster heimsuchten, ein Zimmer wurde stets freigehalten und blieb sogar bei den hohen Wasch« und Putzfesten verschont: des Malers Stube. — Der Maler war so recht der Stammgast des Hauses; man wußte fast nicht mehr, wann er zuerst ge« kommen war. Seine Ankunft wurde stets ohne Ceremonie angekundigt durch einen großen, langen Korb, der, mit einem Tuche bedeckt, sein Malergeräthe enthielt. Seine übrige fahrende Habe war leicht transportabel, da sich seine Gardcrob. mehr durch Qualität, als durch Quantität auszeichnete. — Der Maler, der in der Residenz eine bescheidene Miethwoh- nung inne batte, war den größten Theil des Jahres der Gast irgend einer befreundeten Familie, um diese und die ganze Umgegend mit den Produkten seiner Kunst zu beglücken.
Er machte eine recht anständige Figur, der Maler; er war nicht groß, aber wohlgeformt und abgerundet, jeder Zeit höchst proper und zierlich gekleidet, im Frack, Schuhen und seidenen Strümpfen, die er eigenhändig zu stopfen pflegte. Somit machte er in seinem Aeußern keinen Anspruch auf Genialität. Wie würde er sich entsetzt haben, wenn ihm ein Kunstgenosse aus unsern Tagen zu Gesiichl gekommen wäre, mit Waldungen von Schnurr-, Backen- und Knebelbärten, einer Haarwildniß und einem Paar düstern, rollenden Augen, während ihn ein Stäubchen auf den blankgewichsten Schuhen unglücklich machen konnte. Nur in Einem Stück erhob sich sein Künstlergeschmack über die Herrschaft der Mode: inmitten des Zeitalters der Zöpfe und Zöpfchen, Buckeln und Haarbeutel, Puderköpfe und Perücken trug er unverändert seine eigenen, halblang geschnittenen Haare, wodurch er noch in spätern Jahren ein gewisses jugendliches Aussehen erhielt.
Im Kloster war er daheim wie im eigenen Hause. Er commandirte die Mägde.', die seiner unendlichen Pünktlichkeit *
nie Genüge thun konnten; er schulte die Kinder herum, ohne die Vermittlung der elterlichen Oberbehörde zu suchen; er kritisirte die Speisen und machte den Küchenzettel; denn er war ein ziemlicher Gourmand und hatte Kenntnisse in der Kochkunst, die die seelige Verfasserin des schwäbischen Kochbuchs beschämt hätten. Wegen all dieser Eingriffe in ihr Gebiet lebte er denn auch in beständigem kleinen Krieg mit der Großmutter, obgleich sie es von Herzen gut mit ihm meinte und er großen Respect vor ihr hatte. Desto besser stand er mit dem Großvater, mit dem er immer zu kleinen Schutz- und Trutzbündnissen gegen die Frauenwelt verbunden war.
Der Beginn seiner Laufbahn war ein sehr vielversprechender gewesen, weil sie, wie die so vieler großer Männer, zu uQeeuntevfi ang»s,na«n hnth> ßr war der Sobn fintä armen Kupferschmieds in U. Karl, Herzog von Württemberg, bemerkte die wunderschöne Stimme des Buben, als er zufällig durch die Stadt ritt. Äußerst begierig, jedes aufkeimende Talent in seiner Akademie zu hegen, welches Treibhaus damals in der Blüthe seines Gedeihens stand, nahm er den Knaben alsbald in die Anstalt auf. Die Singstimme bildete sich mit der Entwicklung des Knaben nicht so glänzend an», als man hoffte, dagegen schien bei ihm Geschmack und Talent für Malerei vorherrschend zu sein. Der Herzog, der sich sonst fast göttliche Rechte anmaßte und wenn nicht die Herzen, so doch den Willen und die Gaben der Menschen lenken wollte wie Wasserbäche, ließ diesmal einen Menschen seinen eigenen Weg gehen. Zuviel scheint er sich nie vom Maler versprochen zu haben, denn er verlor ihn aus dem Auge und that nichts dafür, sein Talent durch Reisen u. dergl. zu heben. — Der Maler hat auch die Akademie keineswegs als großer Künstler verlassen: er hat sich nicht einmal in Versuchen höher als zum Porträt aufgeschwungen, und es schien auch nicht, als ob er seine Kunst für etwas anderes ansehe, als für einen recht anständigen Nahrungszweig. Seine Bilder haben aber fast alle den Vorzug großer Treue. Auf's Jdealifiren ließ er sich höchst selten ein; seine Porträts sind keine vergeistigte Wiedergeburt der Natur, wohl aber eine genaue Kopie der-