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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Hr. 8 Dienstag den 10. Januar /sm.

Silber ans Schwaben.

Die alten Häuser von B. (Fortsetzung.)

Einige der jeweiligen Insaßen des Klosters verdienten näher in'S Ange gefaßt zu werden. Der erste derselben ist:

D e r E m i g r é.

Als der Großvater noch vor seiner Bedienstung in B. als Beamter im kleinen Grenzflächen U. wohnte, war daselbst bei Nacht und Nebel ein ehrbar auSsehender Franzose ange­kommen , begleitet von einer Mademoiselle, deren eigentliche Stellung zweifelhaft war. Mit Hülfe der Mademoiselle, die deutsch verstand, gab sich der Fremde für einen Monsieur Meuret zu erkennen, den die Stürme der Revolution von HauS nnd Amt vertrieben. Er war zwar kein Bicomte oder Marquis, aber doch der Anhängsel eines solchen, bei dem er als Beamter oder Berwalter «»gestellt gewesen war. Mon­sieur Meuret, der keine andern Schätze gerettet hatte, als die Mademoiselle, deren wirklicher Werth schwer anzugeben ge­wesen wäre, ließ sich in besagtem Grenzorte als französischer Sprachlehrer nieder, weil ihm zum Weiterkommeu Rath und Mittel fehlten. Nun war aber U. eine kleine Stadt, wo außer Erbsen und Linsen wenig gelesen wurde; daher fanden sich wenige Schüler, so daß der arme Emigrë kaum das nothdürftigste Auskommen fand. Als nun der Großvater in B. eingerichtet war, glaubte er, daß hier, in einer kleinen Residenz, ein französischer Maitre Bedürfniß sei; darum ver­schrieb er Herrn Meuret, dessen traurige Lage ihm bekannt war, und bot ihm sein Haus als Heimath an, bis er sich seine eigene Wohnung verschafft habe.

Nur Ein Anstand war dabei. Im Hause der Großeltern wurde streng auf Zucht und Sitte gehalten. Der Großvater hatte, als ihm während der französischen Einquartirung die bonne amie eines Generals ins Quartier zugewiesen wurde, diese mit großer Energie auSgetricben, und obgleich chm kein Französisch zu Gebot stand, als der AuSruf:Marsch, Ma­dame!" so hatte sic's doch wohl verstanden. Nun war zu fürchten, Monsieur Meuret möchte nicht ohne die Mademoi- *

selle kommen; das wollte der Großmutter gar nicht munden, und doch mochte man deßhalb nicht die Gelegenheit versäu­men, dem Heimathlosen eine Heimath zu bieten. Endlich ent­schloß man sich, Herrn Meuret ohne Bedingungen und Clau- sein einznladen. Siehe da, es kam alsbald eine Art von Kutschenwagen mit äußerst wenig Gepäck; darauf thronte Monsieur Meuret, und allerdings die Mademoiselle, die er aber sogleich als Madame Meuret vorstellte. In Betracht ihrer erlebten Drangsale und ihrer hülflose» Lage drückte man ein Auge über die Bergangenheit zu, und Monsieur und Ma­dame wurden im Kloster untergebracht.>

Monsieur Meuret eröffnete sogleich einen Lehrcursus, der von der aufblühenden Jugend sowohl auS dem hohen Adel als dem verehrten Publicum recht zahlreich besucht wurde, Madame gründete eine französische Strickschule, und so fan­den sie sich bald, wenigstens im Bergleich mit ihrem letzten Aufenthalt, in reckt erträglichen Umständen. Die Kenntnisse, die man sich bei Madame erwarb, beschränkten sich freilich auf ein paar Phrasen: Madame, sil vous platt, examinez mon ouvrage, Madame, sil vous platt, laissez moi sortir u. bergt, aber doch war's immerhin französisch und darum ein ganz anderes Ding als eine deutsche Strickschule.

Monsieur Meuret bewegte sich in äußerst gemessenen, zier­lichen Formen und schien das dreifache Maß seines äußerlich verlorenen Ranges innerlich in sich ausgenommen zu haben. Madame befliß sich minderer Feinheit, und das eheliche Ver- Hältniß des edlen PaareS, das sich so spät und nach so lan­ger Bekanntschaft verbunden, schien eben nicht daS zärtlichste zu sein. Madame Menret, eine geborene Elsäßerin, hatte als deutsches Stammgut nichts behalten als deutsche Schimpf­wörter , die sie in unglaublicher Anzahl vorräthig hatte und an ihren Eheliebsten so wie an ihre Zöglinge verschwendete, über welch letztere sie hie und da noch ein fühlbares Regi­ment mit der Elle führte. Alle Thiernamen standen ihr zu Gebot, und sie stellte sie auf eine Weise zusammen, daß Linne und Buffon in Verlegenheit gewesen wären, die Ge­schöpfe zu lassificiren, z. B. du Stockfischgans, du Kalbs, luckel, du bist mit Spühlwasscr getauft! u. s. w. Die Tu-