war ihr unbeschränktes Königreich, in dessen Regierung sie keine Eingriffe duldete. Aber blieb sie unangefochten, so war sie auch eine gnädige Herrin, und so klein sie war, sie verstand sich in Respect zu setzen. Sie war nun freilich nicht in allen Stücken mit dem Zeitgeist fortgeschritten. Von der Dienstbotenemancipation wollte sie nicht viel wissen: „laßt die Leute an ihrem Platz, haltet sie so, wie sie sich's in ihrem Heimwesen dereinst auch machen können, verwöhnt sie nicht unnö- thig." Auch ihr literarischer Geschmack war nicht auf der Höhe der Zeit, und das Lied: „Guter Mond, du gehst so stillere.," hat ihr ihr Lebtage besser gefallen, als das damals eben neu auftauchende Lied Goethe's: „das Wasser rauscht', das Wasser schwoll," dessen mystische Schönheit ihr niemalen einleuchten wollte. Aber trotz alle deß war sie daS belebende Element ihres Hauses und zum Segen geschaffen für jede Zeit, in der sie gelebt und gewirkt hätte.
Der Großvater war ein rastlos betriebsamer Geist, der sich immer mit einer neuen Erfindung trug, und das weit- läufige Klostergtbäude war eben recht für die zahlreichen Versuche, die er anstellte, ohne jemals Chemie, Physik oder Technologie studirt zu haben. Bald erfand er neue Weinschöne, bald entdeckte er Torflager, dann machte er Bauplane, con- struirte Maschinen oder ließ Stahl fabricireu; sogar mit der Alchymie hat er's versucht und Molche nebst Messingstücken in Schachteln gesperrt, weil er gehört hatte, daß sie dieses Metall verzehren und darauf als Gold von sich geben. Letzterer Versuch scheint keine glänzenden Resultate geliefert zu haben; er wollte später nicht mehr daran erinnert sein Auch als Schriftsteller versuchte er sich und schrieb zu seinem Privatvergnügen zahllose politische Aufsätze. Sein Styl war zu wenig gehobelt, als daß sie zur Veröffentlichung getaugt hätten, und so vermoderten sie in seinem Schreibtische. Gut, daß sie nun dahin sind. Obgleich er unter dem gar alten Regime und unter der Napoleonischen Herrschaft ein mächtiger Oppo- sitionsmanu war, hatte er doch vom Freiheitsschwindel, wie er sich seit den dreißiger Jahren regte, so wenig eine Ahnung, daß der gute Großvater in unsern Tagen für ein Monstrum von Gesinnungsuntüchtigkeit, für deu Kaiser aller Heuler erklärt winde.
Weil er sich auf allen Feldern versucht hatte, war ihm auch nichts neu auf der Welt. Nil admirari, das war, wenn auch unausgesprochen, sein steter Wahlspruch. „Hab's schon lang gewußt — gerade so war's in den siebziger Jahrgängen — wird eben so wie selbiges mal" daS waren seine Bemerkungen über alles, gleich dem alten Rabbiner in Gntzkow's Acosta. — Sein Herz aber saß auf dem rechten Fleck bei all seinen rauhen Außenseiten. Bel Kranken war er hülfreich wie eine barmherzige. Schwester, bei Kindern zärtlich und nachsich- ' tlg wie eine Mutter.
Obgleich er auch in Ansehung des Geldes etwas conser vativer Natur war, so war doch für die Enkel seine Hanl stets offen; eigenhändig spickte er sum Weihnachten uni Ostern die rothen Aepfel mit neuen Sechsern, die Gratula tionsgcdichte zu Geburtstag und Neujahr wurden anständige honorirt als die manches Hofpoeten, und seine schlichte Gestal mit dem schwarzen Käppchen auf dem kahlen Scheitel bleib für uns der Mittelpunkt einer freudenreichen und sonnige: Kinderzeit.
Der Charakter seiner Bewohner brachte cs mit sich, das das Kloster, wie in der baulichen Einrichtung, so auch in de Bestimmung von den alten Tagen nur das beste und freund liebste Theil übrigbehalten hatte: daS, eine Herberge der Ver lassenen, eine Zuflucht der Heimathlosen zu sein. Nicht das es just eine verwahrloste Klnderanstalt geworden wäre, ode ein Blindenasyl, oder ein Gutleuthaus ; nein, es trug eine heiteren Charakter. Es gibt Verlassene, für die Nieman sammelt und Feste hält und Häuser baut, und solche nähr das Kloster auf.
Da kam daS einemal die arme Frau Base Klenker jsamm ihrem Hündchen und ihrer Schnupftabaksdose und siedelte fid beim Herrn Vetter an, um ein paar Monate Licht und Feue rung zu ersparen; dann kam in tiefer Nacht eine ehemalig Nachbarin, eine unglückliche Kaufmannsfrau sammt Kind un Habe, die ihrem rauhen Mann entlaufen war. Ein anderma war's die Jungfer Hannebiene (ihr Verwandtschaftsgrad konnt niemals ausgemittelt werden), die eben kein Unterkommen al Hausjungfer batte und die nun mittlerweile ihre Kochkünst im Kloster producirte. Jetzt mußte Raum geschafft werde, für die arme Pfarrwittwe, deren Habe verbrannt war, bis si wieder ein Obdach hatte; dann zog ein armer Forstwart al bei dessen eilf Kindern die Großmutter Patbin war; d mußten zur Erleichterung der Eltern sechs bis sieben Päthche beherbergt werden, und so gings fort. Dabei werde niet gedacht der unzähligen kürzern Besuche von bestimmungS losen Vettern, ehemaligen Schreibern, ausgedienten Mägde und dergleicheu.
Auch ergötzlichere Gäste suchten daS Kloster heim. S der Onkel vou K., der die Rolle des gutmüthigen Polterer übernommen hatte, fluchte wie ein Heide, daneben aber ei herzguter Mann war und alle Taschen voll Geschenke sü die Kinder mitbrachte. Wenn man ihn und den Großvate zusammen sprechen hörte, so meinte man, die zwei Brüde haben grimmige Händel; waren aber die besten Freunde vo der Welt. Den Kindern fast noch willkommener war's, wen der dünne Herr Pater von N. in der schwarzen Kühe an feinem zahmen Rößlein einhcrgcritten kam, gefolgt von de dicken freundlichen Marieliese, seiner Köchin, um sich sein Renten vom Großvater auSbezahlen zu lassen. Der Her