Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Är. 7,
Montag den S Januar
«884.
Vitder aus Schwaben.
Die alten Häuser von B.*) I.
Das Kloster.
DaS Kloster in B. hat aus seinen allen Tagen fast nur daS Bequeme, Trauliche behalten: die weiten Raume, die bauschigen Gitterfenster, in die man sich ganz hineinlegen und wie aus einem luftigen Käfig in die sonnenbeschienene Welt hinausschauen konnte. Beinahe alles Grausige, Gespensterhafte wurde längst durch das geschäftige Treiben jüngerer Geschlechter weggeräumt. Nur in einer ungebrauchten Bodenkammer hing noch daS geschwärzte Bild einer Nonne, dessen Original natürlich die Volkssage eingemauert worden sein ließ, und unten, wo es hinter der Treppe so dunkel ist, befindet sich noch eine eiserne Tbür zu einem unterirdischen Gange, der, ich weiß nicht wie weit, sich erstrecken soll. Mit schauerlicher Lust wagten die Kinder deS Hauses sich hie und da etwa zehn Schritte in dem Dunkel vorwärts, aber manche Tagesstunde, ja halbe Nächte lang, unterhielten sie sich mit Planen, wie der Klosterschatz, der natürlich hier verscharrt sein mußte, zu heben, und vor allem, wie er zu verwenden sei. Goldene Luftschlösser erhoben sich, wenn sie in nächtlicher Stille sich flüsternd im Bett darüber unterhielten. — DiS heute hat ihn aber noch keiner gehoben. Vor Zeiten waren wirklich Nachgrabungen angestellt worden , man war aber nur bis auf die Spur verschütteter Stufen gekommen.— Der Sohn des Hauses hatte in jünger» Tagen mit seinen Kameraden die Grabung erneuert, das einzige Resultat aber waren beschmutzte Wämser und zerrissene Hosen, weßhalb das Geschäft von Seiten der Eltern niedergelegt wurde. — Von Gespenstern hat man nie viel vernommen. Die obbemeldete eingemauerte Nonne, ein unentbehrliches Requisit eines alten
e) Bilder und Geschichten aus dem schwäbischen Leben von Ottilie Wildermuth. Stuttgart 1853 bei Adolph K rabbe. Dieses ausge- »eichnet geschriebene Buch, welches bereits seine »weite Auflage erlebte, stt hiemit unseren Lesern bestens empfohlen.
Klosters, soll freilich zur Weihnachtszeit manchmal mit gerungenen Händen sich haben blicken lassen, gesehen hat sie aber Niemand und gefürchtet nur so weit es zu einem behaglichen Grausen gehörte.
Am Eingang des Klosterhofs steht noch das kleine Thor Häuschen, vom Thorwart bewohnt, der da keine AmtSver- richtung, nur die Vergünstigung der freien Wohnung hatte. Es war ein eisgrauer, steinalter Invalid, der ganze sommerlange Tage im Sonnenschein vor seinem Häuschen sitzen konnte. Gesprächig war er gewöhnlich nicht, wenn aber einmal die Schleuse aufging, so wußte er viel zu erzählen von den Kriegsthaten seiner jungen Jahre — er hatte noch unter Friedrich dem Großen gedient — für den gestrigen Tag hatte er kein Gedächtniß mehr. Der Großvater verehrte chm allmonatlich ein Paket Tabak, das ihm die Kinder überbringen barsten. Herzlich leid that's ihnen, als der alte Stelzfuß begraben war und sich nicht mehr vor dem Häuschen sonnte?
Das Kloster war seit lange zu einer Beamtenwohnung eingerichtet und der Großvater und die Großmutter wohnten darin. Ich will den Leser nicht lange plagen mit genealogischen Erläuterungen über meine verschiedenen Großeltern väterlicher und mütterlicher Seiko. Ist er doch selbst wohl so glücklich, solche zu haben oder gehabt zu haben, und wenn bei dem Namen Großvater und Großmutter eine recht freundliche, trauliche Erinnerung in ihm aufwacht, eine Erinnerung aus der ersten frischen Kindheit an einen Lehnstuhl und eine liebe, ehrwürdige Gestalt darin, an fröhliche Ferien, an Ge- burts- und Weihnachtsgeschenke, "o ist das vollkommen genug.
Der Großvater war, was man einen Mann von altem Schrot und Korn nennt, ungeschliffen im guten Sinne de» Wortes. Mit den Redensarten hat efS nie genau genommen, aber er war wohlmeinend in der That und Wahrheit. Die Großmutter — des Großvaters erste Frau — war eine Frau, wie's nicht mehr viele gibt, klein, geschäftig, beweglich, mit hellen Augen und offenem Herzen für alles, was schön und gut ist in der Welt und über alle Welt hinaus. Sie konnte ihren eigenen Sinn haben, und der Bereich ihres Hauswesen»