Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Kr. 6,
Samstag den 7. Januar
1854.
Bilder aus Schwaden.
Ein württembergischer Oberamtmann des vorigen Jahrhunderts.
(Schluß.)
Da stand sie denn, eben nach einer Vorlesung, die ihr die Tante über ihr Betragen am vorigen Abend gegeben, und wünschte so recht sehnsüchtig, nur wieder eines der heimathlichen Gesichter zu sehen;— selbst der Anblick der alten Einheizerin oder des schielenden Amtsdieners würde ihr Herz wahrhaft erquickt haben.
In diesem Augenblicke war's, wo ein Wagen au dem Hause anfuhr und — Laura traute ihren Augen kaum — der Aetuar darin!
Auch seine Fassung ward hart geprüft, als Laura mit aller liebenswürdigen Unbefangenheit ihres Wesens ihm entgegenflog, lachte und weinte und seinen Auftrag, sie nach Hause zu holen, wie eine Himmelsbotschaft vernahm!
Eine wahrhaft peinliche Seligkeit war ihm i re Gesellschaft in der Rückreise; sie war noch das natürliche kindliche Wesen, wie sie vonHaus geschieden war, und nur doppelt liebenswürdig in ihrem frohen Entzücken, in ihrer ungeduldigen Sehnsucht, die Heimath wieder zu sehen — und er durfte doch seine Gefühle nicht verrathen! — Nur das Bewußtsein, daß es das Vertrauen des Vaters gewesen war, das die Tochter in seinen Schutz gab, bewahrte ihn auch jetzt in einer Zurückhaltung, die für Laura selbst fast auffallend und betrübend wurde.
So langten sie denn zu Haus an; mit ernster Innigkeit, deren Bedeutung der Oberamtmann freilich nicht einmal ahnen konnte, führte der Aetuar die Tochter dem Vater zn und empfahl sich dann, um den Wiedervereinigten Zeit zur Fassung zu lassen — und um selbst sich zu fassen!
Ja, es wurde ihm klar: er mußte seinen Entschluß eines Ortswechsels ausführen, auch unter den jetzigen Umstanden — ja in diesen um so mehr. Mit solchen Gedanken erschien er am anderen Tage beim Oberamtmann. Dieser empfing ihn sehr freundlich, ja herzlich; Lauras' Anwesenheit schien
bereits einen viel sänftigenden Einfluß auf sein Gemüth geübt zu haben.
„Ich will mich offen gegen Sie aussprechen," begann er; „Ihnen gestehe ich, waS ich dem Expeditionsrath zu verrathen noch zu stolz war — es ist nicht allein mein zerstörtes Ehrgefühl, das mich treibt, mein Amt niederzulegen; ich habe in jenen Stunden nachgedacht über mich — und ich glaube, es wäre wohlgethan gewesen, ich hätte schon früher ein Amt verlassen, wozu mich jetzt die bitterste Demüthigung nöthigt! — Widersprechen Sie mir nicht!" fuhr er fort; „ich habe mich kennen gelernt! Lassen Sie mich auf Anderes übergehen — ich bin schuldig, dem Bezirke für einen Nachfolger zu sorgen, dessen Milde und Einsicht gut mache, was meine eifernde Strenge übel that! Das sind Sie, Herr Actuarius. Wenige werden Ihnen an Kenntnissen gleich kom. men; kein Fremder aber an Erfahrung und Einsicht der Bedürfnisse unseres Bezirks!"
Der Aetuar war nicht wenig überrascht; „Ihrer Güte und allzu günstigen Meinung danke ich!" sprach er endlich, „aber die Sache ist unmöglich, es ist ungewiß, ob ich es jemals zu einem selbstständigen Aemtchen bringen werde — aber zu einer Oberamtei! Ich habe keine Mittel, um die Ankaufssumme zu erlegen!"
„Ich weiß es!" antwortete bedeutungsvoll der Oberamtmann; „ich bin Ihnen Genugthuung schuldig, nicht nur für die einzige kürzliche Beleidigung, sondern auch für die Tyrannei von Jahren! — Ich bin dem Bezirke Genugthuung schuldig, und will sie leisten, indem ich Sie an meiner Stelle zurücklasse! — Ich erlege die Kaufsumme für Sie als An- lehen, wenn Sie wollen; Ihr Amt ist mir ein sicherer Bürge für den Wiederersatz — weigern Sie sich nicht, meine Lebensruhe hängt von der Erfüllung dieses Planes ab!" Der Ac- tuar war überwältigt; auch sein Stolz — und es war der unbeugsame Stolz der Armuth — war besiegt. „So sei es," rief er aus; „wenn Sie der geringern Gabe die köstliche beifügen! geben Sie mir Laura, so nehme ich das Amt aus Ihrer Hand!"
Nun war die Reihe, zu erstaunen, an dem Oberamt-