Die beiden jungen Männer erschracken; der Actuar drückte sein Bedauern aus, aber er kannte des Oberamlmanns Willensfestigkeit zu gut, um seinen Entschluß zu bekämpfen. Um so eifriger that dies der ExpeditionSrath, der das Ehrgefühl des Oberamtmanns ganz unpraktisch und übel angebracht fand. Doch die lebhaftesten Erörterungen führten ihn nicht weiter; im Gegentheil schienen sie eine Spannung herbeizuführen, die ihm nicht möglich machte, auf einen gewissen zarten Gegenstand zu sprechen zu kommen, den er gerne so bald als möglich in's Reine gebracht hätte. Er brach endlich auf, da er sich je länger, je weniger am Platze fühlte, und ward vom Oberamtmann mit sehr steifer, gemessener Höflichkeit entlassen. So wenig ihm sein Selbstgefühl erlaubte, irgend wann, sei es Frauen oder Männern gegenüber, an seiner Unwiderstehlichkeit und seinem diplomatischen Tacie zu zweifeln, so konnte der ExpeditionSrath doch diesmal nicht umhin, sich zu gestehen, daß er durch diesen Besuch iu der Guust seines reichen Schwiegervaters an Hoffnung eher eingebüßt, als gewonnen habe.
Mit vielsagender Miene blickte der Oberamtmann dem Residenzherrn nach; dann, ohne ein weiteres Wort über solch einen unbedeutenden Gegenstand zu verlieren, wandte er sich wieder au den Actuar; eine Bewegung, die der strenge Mann sonst nicht verrieth, gab sich in seiner Stimme kund. „Mit Ihnen, Herr Actuarius, hab' ich Vieles zu reden," sprach er; „doch zuvor will ich meine Schwachheit gestehen; ich kann mein Kind nicht länger missen und in der Residenz, wo ihr Vater und der gnädige Spaß des Günstlings das Taggespräch bilden, mag ich sie keinen Tag länger lassen; ich selbst mag die Residenz nicht mehr betreten und Tante Sabine hätte nicht Muth genug zu einer Reise, die sie überhaupt in ihrem Leben nur eiu einziges Mal in meiner Begleitung gemacht hat! — Ich stelle meine Laura unter Ihren Schutz; reisen Sie morgen nach Stuttgart! — Erst nach Ihrer Zurückkunft will ich des Amtes wegen die ersten Schritte thun !"
Der Actuar war überrascht und gerührt; mit welch' in> nerer Freude der Auftrag ihn erfüllte, durste er freilich nicht blicken lassen! — Mit lebhaften, streitenden Gefühlen machte er sich auf die Reise.
Für seine Herzensgüte wäre es besser gewesen, dieselbe zu unterlassen — sagte er selbst; seine Stellung war ja bei aller Freundschaft des Oberamtmanns um nichts hoffnungsvoller geworden. Uebcrdieß quälte er sich mit mancherlei Vermuthungen , wie Laura ihn empfangen werde? Sie .hatte sich innerhalb eines Monats wohl recht an das Residenzlebeu gewöhnt, hatte die Vergnügungen desselben lieb gewonnen und empfing ihn als recht unwillkommenen Boten?
Er hatte sich aus all diesen Betrachtungen eine künstliche Fassung gewonnen, die er festhielt, als er durch die winkli- chen Straßen der Residenz nach der Wohnung der Geliebten fuhr und Laura am Fenster erblickte, von wo sie schwermüthig auf die Straße herabschaute. Der Unfall ihres Vaters war durch der Tante Sorge ihr verschwiegen geblieben, aber deßungeachtet hatte sie Grund genug zum Kummer. War sie doch ein heileres Landmädchen, die Tante aber eine geborene Residenzlcrin und das zu einer Zeit, die steif in Sitten, wie in Trachten war. Die arme Laura, zu Hause nur an Zärtlichkeit gewöhnt, sie, deren schuldloser Heiterkeit selbst der strenge Vater nichts in den Weg gelegt — sah sich gescholten und getadelt, wie sie auch immer sich verhalten mochte; bald war sie vorlaut — bald zu schüchtern —^ heute zu heiter, morgen zu trocken und ernst. Und sie selbst, wie entbehrte sie Alles, was ihr Leben erfreute! Entweder war sie allein mit der grämlichen Tante — da war kein Garten, in dcm sie sich ergehen, keine Gespielin, mit der sie ein Weilchen neben der Handarbeit plaudern konnte — oder gab es Ge- sellschaft, dann war zu Hause und auswärts, im Theater oder auf Spaziergängen der ExpeditionSrath ihr unvermeidlich zur Seite! — und das war noch schlimmer, als die trübsinnigste Einsamkeit und selbst als der Tante Gesellschaft. (Schluß f.)
Vukassovich in Montenegro
Eine historische Erinnerung.
Noch ist kein Jahr verflossen, daß die Namen Cettinje, Zabljak, Spuz u. a. in Jedermanns Munde waren. Die ungeheuere Mehrzahl der Zeitungsleser lernte dieselben erst bei Gelegenheit der montenegrinischen Wirren zum ersten Male nennen. Es gab eine Zeit, wo Jung und All mit Begierde auf der Karte die Stelle jener kleinen Festung Zabljak suchten, welche durch einen kühnen Handstreich in des wilden Bergvolkes Hände gekommen war. Sehr wenige werden aber daran gedacht haben, daß an derselbe» Stelle vor noch nicht langer Zeit manch braves österreichisches Soldatenherz, von türkischen Kugeln getroffen, zu schlagen aufgchört hat. Es ist die Stelle, von wo aus ein österreichischer Xenophon seinen Rückzug begann, ein Heerführer, den die Nachwelt nscht so schnell vergessen sollte. Zwar waren eS keine zehn Tausend, wie sie der große Grieche an das heilige Meer zurückführte. Die Größe aber liegt in kriegerischen Momenten nicht in der Zahl, sonst hallte der Ruhm der Thermopylenkämpfer nicht durch Jahrtausende fort. Dreihundert Männer waren es, mit denen Major Vukafsovich seine „Anabasis" vollbrachte, hundert andere waren ja in den siegreichen Kämpfen gefallen