ihren ganzen Umkreis zu hüten, damit ihr nichts nahe, das auch nur mit einem trüben Hauche den reinen Spiegel ihrer Seele berühren könne! — Der Expeditionsrath? nun — er schien sie für ein Landmädchen zu halten, das um so leidlicher wäre, je weniger sie seiner geistigen Ueberlegenheit sich entgegensetzen könne — das man aber noch etwas zustutzen müsse, um eine erträgliche Figur für das Gesellschaftszimmer aus ihr zu bilden!
Je länger, je schlimmer wurde der armen Laura zu Muth; sie nahm an der Handlung auf der Bühne nun nicht mehr weiter Interesse, als je an einem der sechsbändigen Ritterromane der Lohensteinischen Periode, in welche Tante Sabine in ihre Musestunden sich zu versenken pflegte; — was Gesang und Orchester betraf, so war es keine Frage mehr, daß des Actuarius Flöte ihr hundertmal schöner geklungen hatte; ja selbst MinchenS Klavierspiel hätte sie den Vorzug gegeben; ach die Heimath! was galten gegen sie alle Opern und Illuminationen der Residenz!
Aber die Qualen der ersten Bühnenheldin , die eines grausamen Todes zu versterben hatte — und auch die der armen Laura nahmen endlich ein Ende. Der Vorhang fiel; man klatschte; man rief die Sängerin heraus; auch der Ober- amtmann erhob sich, im Herzen Gott dankend. daß es zu Ende war, denn er hatte die herzlichste Langeweile empfunden und war der einer würdevollen Haltung so gefährlichen Versuchung deS Gähnens nur durch fleißigen Gebrauch seiner Tabaksdose entgangen. Jetzt wandte er den Blick noch einmal nach der fürstlichen Loge; man war auch, dort in Bewegung ; die fürstlichen Gäste hatten sich um Rieger gesammelt, ihm ihr Coniplimcut über die schöne Anordnung der Illumination, die neuen Decorationen u. s. w. auszudrücken; der Herzog, seine Zufriedenheit bezeigend, klopfte ihm auf die Achsel und stolzeren Blickes als die Sänger und Sängerinnen mit ihren sauer verdienten Lorbeeren blickte der Oberst zu guter Letzt im Hause sich um.
„Was, in aller Narren Namen, soll denn dies?" flüsterte der Oberaintmaun dem Expeditionsrath zu: „der Oberst hat doch, so viel meine Sinne sagen, weder gesungen noch getanzt; und dies Zeug hier haben wohl die Kapell- und Balletincister, oder wie die Leute sonst heißen mögen, besorgt !"
„Ganz richtig!" lächelte der Expeditionsrath; „aber Oberst Rieger hat dns Geld dazu herbeigeschafft; der Herzog will Oper und Illumination gebet, — im Haus ist nichts zu machen; der erste Sänger hat Stimme, doch keinen europäischen Namen ; es muß in aller Eile ein Fremder zu einer Gastrolle gewonnen werden, im Ballet war die Garderobe nicht mehr zu gebrauchen, überdem taugen die Decorationen nickt mehr; in der Kasse aber — in sämmtlichen Kassen Ebbe ! — die fürstlichen Gäste sind da — sind gespannt auf die Oper —
dieses Dilemma! Ach was ist eine Bagatelle von einer Volkö- unruhe dagegen! — Nun, da ist Oberst Rieger der Mann in der Noth! der Liudwurmtödter, der deus ex machina! — Er schafft Geld; er redet mit Intendanten und Re- . gisseur! — Er befiehlt, nicht zu sparen; er läßt sich Programme geben und wählt das glänzendste aus! — Dafür aber ist er auch die reckte Hand des Herzogs und hat heute wieder den Triumph genossen, den er verdiente, redlich verdiente!*
„Ick will Haus heißen, wenn er ihn verdiente," grollte der Oberamtmann; „wer schafft ihm die Mittel als wir Ober- amtleute vom Lande? Gott mag wissen, wie viele Dörfer Hans um Haus gepfändet werden müssen, um solch einen einzigen Abend zu bezahlen ! Aber ich sehe wohl, uns überläßt man die Mühe — den Dank dafür hat dann ein Höherer zu holen!"
Doch der Expeditionsrath hatte diese Erklärung nickt mehr vernommen, da er sich nmwaudtc, um Laura den Arm zu geben. Der Oberamtmann folgte mit der Schwägerin und die Gesellschaft begab sich in ihre Wohnungen. Am anderen Tage reiste der Oberamtmann nach Hauè; cs gefiel ihm in der Residenz nicht mehr; in seinem heimischen Städtchen gab'S jiuar weder Sänger noch Illuminationen, aber auch keine allmächtigen Günstlinge, sondern er allein war der unumschränkte Herr. Das bewies er auch in den letzten Tagen auf der Amtsstube seinen zitternden Leuten, denn er hatte eine äußerst üble Laune ans der Residenz mitgebracht — nur den säumigen Steuerpflichtigen erwies er noch Nachsicht zur täglichen Verwunderung seiner Schreiber.
ES war übrigens gewiß kein Wunder, wenn er bei wenig natürlicher Milde unter seinen jetzigen Verhältnissen vollends zum Tyrannen ward. Mit Lauri war alle Freude aus seinem Hause gewichen; er war ja kein allzu zärtlicher Vater; aber mochte er noch so aumuthig aus der Amtsstube kommen, im Familienzimmer machte Lauras kindlicher Frohsinn die Wolken ihm von Stirne und Herz schwinden; ihre Heiterkeit eben, weil sie in der liebevollen Tiefe eines allgemein wolwollenden Gemüthes ihre Wurzel hatte, übte unwiderstehlichen Einfluß auf jedes, auch das verschlossenste, finsterste Gemüth; einen Einfluß, dessen weder die Anderen, noch sie selbst in ihrer anspruchslosen Weise sich bewußt wurden ; am wenigsten hatte der strenge Oberanitmanii es sich jetzt zugestanden, daß sein einfaches Kind irgend eine Gewalt scher seinen festen Sinn übe — ja, daß sie ihm zur Lebensrnbe und Heiterkeit gar unentbehrlich sei! Nun fehlte sie ihm allenthalben und er wollte sich dock nicht gestehen, daß sie eS war, mit der aller Sonnenschein aus seinem veiödeten Hause wich! Er wollte sich Gewalt anthun, wollte die Gedanken an sie verbannen, denn zu bereuen, was er wohlerwogen für