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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

xr. 3 Mittwoch den 4. Januar /sh.

Silber aus Schwaben.

Ein württembergischer Oberamtmann des vorigen Jahrhunderts.

(Fortsetzung)

Der Vorhang rauscht auf; Aller Aufmerksamkeit wandte sich nach der Bühne. Laura! eine Zauberwelt tauchte vor ihr auf, Auge, Ohr und Herz zugleich in wechselndem Entzücken fesselnd. Zeit und Ort hatte sie vergessen; ja selbst derer, die ihrem Herzen am theuersten waren, dachte sie nicht mehr. Ihre ganze Seele fühlte nur mit, was sie sah und hörte. Ja, die Residenz hatte doch Reize, vor denen die dürftige Heimath zurückweichen mußte das war ihr Gedanke, als nach dem ersten Act der Vorhang fiel, die Traumwelten vor dem inneren und äußeren Auge zerronnen und sie sich, schwin- Mhi>, wie nach weitem Fluge, in einer Loge des Schauspiel­hauses zwischen Vater und Tante wieder fand.

Laura !" scholl jetzt die Stimme ihres Vaters mah> nend an ihr Ohr. Hastig wandte sie sich um und blickte in das Gesicht eines sie wußte nicht recht: jungen oder ältlichen Herrn. Für das Erstere sprach der zierliche, vom wohlfrisirten Haar bis zum perlgrauen, silbergestickten Rocke nach neuester Mode ausgesuchte Anzug für das Andere das nicht unregelmäßige, aber ungemein schlaffe und leere Gesicht.

Dies Alles, in Verbindung mit dem auf sie mit uner­klärlichem Ausdruck gehefteten Blicke machte einen unüber­windlich widerlichen Eindruck auf sie. Sie wollte sich weg­wenden : ihr Vater aber stellte ihr mit vieler Förmlichkeit in demselben Fremden den Ezpeditiousrath H. vor. Sofort nahm derselbe auch Platz neben ihr und ließ sich in ein Gespräch mit ihr ein; dabei fühlte sie noch, daß die Auf­merksamkeit der Taute auf jede ihrer Bewegungen gerichtet sei. Eine unnennbare Bangigkeit überkam sie; wenn der Fremde der ihr vom Vater bestimmte Gatte war? Sie vermochte die Augen nicht mehr zu dem widerlichen, jetzt noch gefürchteten, Fremden zu erheben; und doch durste sie demselben ihre Aufmerksamkeit nicht

entziehen,

mußte seine

Worte anhören, erwiedern, denn der strenge Vater beobach­tete sie!

; Eine herzliche Erleichterung war'S ihr, als endlich der j Vorhang sich wieder erhob; zwar ach! ihre Illusion war } zerstört und ließ sich durch keinen Zauberstab wieder hervor­locken auf der Bühne mochten die wunderbarsten Verwand­lungen , die herrlichsten Gesangcstöne am Ohre und Auge vornbergehen es blieb bei Ohr und Auge; zum Herzen drang es nicht mehr; ein kalter Frost hatte dieses verschlossen, seit dem Anblick des Expeditionsraches; aber doch mußte sie der Wiederbeginn der Oper von dem unleidlichen Besuche erlösen. Vergebliche Hoffnung! der wohlfrisirte Expedi- tionsrath blieb an ihrer Seite, als hätte er bereits daS ge­gründetste Recht auf diesem Platze; sie seuf'te vor Unmuth; sie schien mit gespannter Aufmerksamkeit den Sängern zu lau­schen umsonst! Der ExpeditiouSrath kehrte sich nicht dar­an, er gab ihr seine flüsternden Bemerkungen und Erklärungen fortwährend ohne irgend eine Rücksicht; und wäre eS möglich gewesen, daß sie noch für einen Augenblick die vorige Begei­sterung empfunden hätte des Expeditionsraths höchst be­lehrende Urtheile hätten diese für immer verwischen müssen. Er war ein Kenner, er hörte und sah nicht die Klagen und den Jubel idealer Geschöpfe einer poetischen Phantasie; er hörte nur die Bravourarie der Sängerin N. und das Duett des Altisten mit dem ersten Baß; wo Laura bei allem Un­muts) noch in Thränen hätte schmelzen mögen, erklärte er ihr, durch welche Schule die Sängerin gegangen sei und daß ihre Stimme an Umfang noch zu wünschen lasse.

Dabei hatte die Vertraulichkeit, die er in seinen Ton legte, der spähende Blick, mit dem er sie verfolgte, die her­ablassende Artigkeit, die er in sein Betragen legte, für Laura Verlegeneres, als es für die hochgebildetste Stadtdame gehabt

haben würde; sie war an so zarte, so achtungsvolle Be­gegnung gewöhnt. Welch ein mühsam bewältigendes Ent­zücken verrieth jeder Blick, jeder Ton des Actuarius, wenn sie ihm irgend einen kleinen unwillkürlichen Beweis ihrer . Werthschätzung gegeben? Wie angelegentlich, wie ängstlich * fast bewachte er ihre Umgebung, ihre Beschäftigungen; er schien