Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Nr. 2 Sictiftaa den 3 Januar iss*.
Silber aus Schwaben
Ein württembergischer Oberamtmann des vorigen Jahrhunderts.
(Fortsetzung.)
„Vorwärts!" befahl der Oberamtmann und der Kutscher setzte die Braunen in Trab.
„Gott bewahre und beschütze Euch!" rief Tante Sabine der schwerfällig dahin rollenden Kutsche im Drange ihres sorgenvollen Gemüthes noch nach, während der Actuarius nur mit stummem Blicke ihr folgte, die ihm den Gegenstand einer eben so tiefen und reinen, als hoffnungslosen Jugendliebe entführte.
Schwere Selbstüberwindung hatte ihn diese Liebe gekostet, die er als Mann von Ehre dem Mädchen nicht verrathen wollte, um dessen Hand er nicht werben konnte; nun war's mit den Kämpfen zu Ende — aber zugleich auch mit der Freude, mit dem schönen Traum seiner Jugend! —
Eben so schweigsam fuhren die Reisenden dahin, ohne dem blauen sonnigen Himmel, oder der frühlingsgeschmückten Erde einige Aufmerksamkeit zu schenken. Was den Oberamtmann betraf, so hatte seine heutige Verstimmung ihn noch ungeselliger gemacht, als er schon von Natur zu sein pflegte, und selbst Laura, deren junges Herz sonst bei der so seltenen Aussicht einer Reise gehüpft hätte, begehrte heute nichts, als sich in die Ecke zu drücken und ihren wehmüthigen Träumen recht ungestört nachhängen zu dürfen. Ach! es war ihr erst unter dem Abschied deutlich bewußt geworden , daß es uicht gerade Tante Sabine nur war, — oder Awtsschreibers Minchen, ihre Freundin, — gbet der große Oberamteigarten, der Schauplatz ihrer Kindheitsspiele, deren Abschied ihr so tief in's junge Herz schnitt, daß sie die Residenz, nach deren Herrlichkeiten sie sonst wohl ein kindisches Verlangen getragen hatte, mit Freuden dafür aufgegeben hätte. — Der Actuarius! — Gut war sie ihm längst gewesen, hatte sie ihn doch seit ihrer Kindheit gekannt, da er ein Sohn des ehemaligen Decans war, der mit ihrem väterlichen Hause in freundschaftlicher Verbindung gestanden hatte.
Später nach mehrjähriger Abwesenheit über die Studienzeit war der junge Mann als schmucker Referendarius zurückgekommen und hatte mit Laura, der eben aufgeblühten Jungfrau, das freundliche Kindheitsverhältniß wieder erneuert; war er auch später, als sein Vater unvermuthet starb Nnd ihn als unbemittelten Waisen zurückließ, sehr behutsam und zurückhaltend in seinem Betragen gegen Laura geworden, so fachte dies ihr theilnehmendes Interesse für ihn nur noch mehr z an und die Gelegenheiten sich zu sehen und zu sprechen, denen er nicht ausweichen konnte, kamen bei seiner nachherigen Stellung als Actuarius in der Oberamtei täglich vor. — Aber wie theuer ihr der liebenswürdige und bei allem Talent, wie bei seinen persönlich gewinnenden Eigenschaften so be- scheidene, junge Mann geworden war — das fühlte Laura erst jetzt, als sie auf immer von ihm sich getrennt sah! Auf immer! ja; da zu Gunsten des herzoglichen Kammerbeutelin Württemberg der Diensthandel eingeführt war, so konnte ein Amt oder Aemtchen nicht ohne verhältnißmäßig bedeuten- des Opfer errungen werden; der Actuar sah einer solchen Versorgung, die ihm erlaubt hätte, einen eigenen Heerd zu gründen, gar nicht entgegen; —nun aber vollends des Oberamtmanns Tochter und ein junger Mann ohne Aussichten! Der Gedanke erschien so total hoffnungslos, so unsinnig, daß es nicht einmal den müßigen Zungen des Kleinstädtchens, noch viel weniger dem stolzen Oberamtmann selbst in den Sinn kam, an eine derartige Anmaßung des Actuars, als eine Neigung zu Laura auch nur im stillsten Herzen war, von ferne zu denken.
Indeß ungeachtet des Oberamtmanns mürrischer Laune und der Thränen und Seufzer seiner lieblichen Tochter, ging der Reisetag allmälig seinem Ende zu und nachdem man unterwegs nur zweimal Halt gemacht, um die Pferde zu füttern, langten sie Abends vor den Thoren Stuttgarts an, als eben das letzte Roth der scheidenden Sonne hinter den grünen Hügeln ihrer Umgebung verglomm. Laura, die nie noch die Residenz gesehen hatte, fühlte nun einen bangen Schauer, als sie das ihrem Begriffe nach fast unermeßliche Häusermeer unter qualmendem Nebel und Rauche erblickte.