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nungsvermögen ihr Aehnliches sagen ihre Übersiedlung in die Residenz schien ihr sammt allen Aussichten vornehmer Heirath, glänzender Stellung und Vergnügungen wenig An- lockendes zu haben sie weinte um die Wette mit der gu­ten Tante Sabine, der das Herz brechen wollte über diese Trennung von ihrem Liebling, an den sie die gesammelte Zärtlichkeit einer Mutter, Tante und Schwester verschwendet hatte und dessen wirklich gutes, bildungsfähiges Gemüth auch unter ihrer nachsichtigen Erziehung sich nicht hatte verderben lassen.

Der Oberamtmann setzte eben die Tasse zum Letztenmale an den Mund und die Wolken auf seiner Stirne waren noch düsterer geworden, da tönte ein bescheidenes Klopfen an der Thüre und ein junger Mann trat mit freiem Anstande in's Zimmer, um dem Oberamtmann nach respektvoller Ver­beugung eine Meldung zu machen, die eine hohe Zorneöröthe auf dessen Wangen trieb.Die Schultheißen, die wegen der rückständigen Steuern vorgeladen sind!" lautete dieselbe; doch wenn meine Vermuthung mich nicht trügt, so kommen sie auch jetzt noch mit leeren Taschen!"

Behalten Sie Ihre Vermuthungen für sich, bis Sie nach denselben gefragt werden, Herr Actuarins!" brauste hochmüthig der Oberamtmann auf und setzte nach einer Pause im tiefsten Basse hinzu: lassen Sie die Dummköpfe von Bauernschultheißen eintreten!" Der Actuarius wandle sich wieder nach der Thüre, während der Oberamtmann im Lehn­stuhle eine wahrhaft majestätische Haltung annahm.

Der Oberamtmann, der sich auf seine Pünktlichkeit in seiner Amtsführung so viel zu Gute that, wollte selbst den Betrag einer eben fällig gewordenen Geldsteuer an das be­treffende Kassenamt abliefern, deren Vorsteher er ohnedies bei dem seltenen Besuche der Residenz seine Aufwartung zu machen nicht versäumen wollte. All seiner Strenge aber war eS nicht gelungen, die Steuer vollständig einzutreiben, weshalb noch in den letzten Tagen die Frohnboten mit donnernden Rescripten in die säumigen Orte gesendet worden waren.

Da standen denn die unglücklichen Ortsvorsteher, vordem strengen Blicke zitternd wie arme Sünder vor ihrem Richter. So bringt Ihr endlich die Steuern?" herrschte der Ober­amtmann sie au, obwohl er in ihren Iammermienen bereits das Gegentheil gelesen hatte.

Mit Gunst, gestrenger Herr Oberamtmann!" unterbrach endlich der Aeltestc der Schultheißen die bange Stille;Sie kennen ja die Armuth meines Ortes; Geld können wir nicht machen, wo keines ist, und das Pfänden hilft nichts, die Leute kaufen nichts!"

Nun ließ der Oberamtmann daS verhaltene Zorngewit- ter ausbrechen.Und meint Ihr, mit solche» Ausreden könne ich die Herren in Stuttgart zufrieden stellen, die freilich nicht

mit bäuerischen Dummköpfen sich plagen muffen, 'wie Mei« nesgleicheu! Aber gebt mir Acht, ich will Euch lehren, wo­möglich ist; die Schultheißen zahlen die Strafe der Versäum- niß, von Woche zu Woche verschärft damit könnt Ihr gehen!" donnerte er.

Die Schultheißen tauschten klägliche Blicke.Aber so habt doch nur auch ein Einsehen, Herr Oberamtmann! an anderen Aemtern gestattet man doch auch Fristen zur Zah­lung!" platzte einer der jüngeren heraus.

Der Oberamtmann fuhr auf.Was wagt mau mir zu sagen? Was in anderen Bezirken vorgeht, braucht Euch das zu kümmern? Hier bin ich Herr! daö sollt Ihr erfahren und zur Einsicht mag Er selbst kommen in dem Quartiere, da­für seine Frechheit der AmtSdieiicr Ihm auf die nächsten zwei Tage anweisen wird!"

Mit diesen Worten wandte der strenge Machthaber sich ab und bedeutete die Bauern bureb gebieterischen Wink, sich zu entfernen. Durch daS Ergebniß dieser Audienz nicht freundlicher gestimmt, rief er der Tochter im Nebenzimmer den Befehl zum Aufbruch zu und setzte dadurch der Abschieds­scene zwischen ihr und der Tante ein unerbittliches Ziel. Der Weg führte an der Canzlei vorüber, wo sämmtliche Schreiber sich unter der Thüre tief verneigten und dann de­müthig zu ihren Pulten zurückschlichen, nm frohlockend erst wieder aufzublicken, wenn die Reisekutsche aus dem Hofe ge­rollt war.

Nur der ActuariuS konnte in seiner bevorrechteten Stel­lung es wagen, dem Oberamtmann das Geleite zu geben und die liebliche Laura in den Wagen zu heben, die ihrem Vater folgte, wie ein freundlicher Stern einer finstern Ge­witterwolke. Seine Stimme schwankte in mühsam verhehlter Bewegung, als er, ihre Hand zum Abschiede ergreifend, ihr noch sagte:so leben Sie denn wohl, Mamsell Laura! Wenn unsere Wünsche etwas vermögen, müssen Sie glücklich werden in Ihrer neuen Heimath!"

Ich zweifle daran, Hr. ActuariuS; ich möchte lieber hier bleiben, als in der Residenz!" seufzte Laura unter strömenden Thränen. Ihre kleine Hand ruhte noch in der des Actuars; sie zögerte, ihm sie zu entziehen und auch er schien seiner langgenbtcn Selbstbeherrschung zu vergessen, da eS die letzten, kostbaren Augenblicke waren, wo er die geliebte Hand mit der seinen umschließen konnte. Tante Sabine endlich, die ihre Nichte noch einmal umarmen wollte, machte der stum­men Scene ein Ende, die bald den argwöhnischen Blick des Obcramlmanns auf sich gezogen hätte. Einen Augenblick später wurde die leichte Gestalt in den Wagen gehoben; mit einem letzten:fahren Sie wohl!" trat dann der Actuarius zurück. (Fortsetzung folgt.)