Belletri
Xr. 1.
Der Wanderer
zur Nassauischen Allgemeinen
Zeitung.
Montag den 2. Januar
/SM.
Bilder ans Schwaben
Ein württembergischer Oberamtmann des vorigen Jahrhunderts.
Nach einer historischen Begebenheit erzählt von Louise Pichl er.
Vor der Oberamtci stand die gemalte Familienkutsche, bespannt mit ein paar wohlgenährten Braunen und der Kut- scher, den Dreispitz ungeachtet! des scharfen Morgenwindes respektvoll in der Hand haltend, harrte der Reisenden, ohne seine Ungeduld über deren langes Zögern irgend zu verrathen, was die Pferde um so augenfälliger thaten. Es war nämlich der Regent der Stadt, ein Obcramtmann aus der Zeit Herzog Karls, in den sechsziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, der im Begriffe war, nach der Residenz abzu- fahren, um sein einziges Kind, die achtzehnjährige Laura, einer dort lebenden Schwägerin zur höheren Ausbildung zu überbringen.
In den heutigen Tagen würde der Oberamtmann sich nach dem Frühstück in den Omnibus oder auf die Eisenbahn gesetzt haben und zum Mittagtisch wieder zu Hause einge- troffen sein — nach dem damaligen Stande der Wege und der Reisegelegenheiten aber machte die Entfernung von Stuttgart eine volle Tagereise ans; uberdieß hatte der Oberamt- mann, wenn er einmal des Jahres die Reise dahin unternahm, so Manches zu besorgen, daß ein mehrtägiger Aufenthalt in Aussicht stand, — ein Ereigniß, das wichtig genug war, um die ganze Stadt zu beschäftigen. Es war wohl nicht zu verwundern, daß die Schreiber auf seiner Amtsstube festtägliche Gesichter zeigten, daß der Eine seine alte Mutter auf einem benachbarten Torfe mit einem Besuche zu erfreuen sich vornahm der andere gar eine Bergpartie mit seiner Braut und deren Freundinnen verabredete — aber die Thatsache schien selbst Solchen wichtig, die mit dem Oberamtmann kaum in irgend einer Berührung standen — die Gassenkinder sogar hielten sich berechtigt, in Abwesenheit des gestrengen Stadtoberhauptes lauter zu lärmen als sonst — während an. dererseits die Büttel und Stadtwächter, vom lebhaftem Be- *
' wußtsein außerordentlicher Verantwortlichkeit belastet, frühe schon in -voller Amistracht und eifernden Mienen auf den Gassen sich zeigten; reiche, alte Wittwen aber und furchtsame Hagestolze die Hausthüren sorgsam verriegelten — in Erin» neruug des Zigeuner- und Wild-DiebegesindelS, das im Lande spuckte und leicht deS Oberamtmanns Reise sich zu Nutzen machen konnte. — Sie -ist dahin, jene glorreiche Zeit mächtiger Selbstherrscher im Kleinen wie im Großen. Keine Be? schreibung wird dem Leser das verschwundene Bild eines Oberamtmanns der alten Zeit lebenskräftig genug vor Augen malen können, so wenig, als das eines Herzogs Karl, oder eines Friedrich des Großen!
Der vielbesprochene Oberamtmann selbst saß jetzt eben mit.all der Würde, deren Bewußtsein auch in den gleichgültigsten Lebcusverhältnissen ihn nicht verließ — im künstlich auSgenähten Altvaterstuhle, im geräumigen Familienzimmet und trank den vornehmen Morgenkaffee. Die Wolken auf der Herrscherstirne deuteten auf üble Laune und in der That verstimmte ihn die Aussicht der Trennung von seinem einigen Kinde mehr, als er sich gestehen mochte, weßhalb er dies Gefühl versteckte unter der Aeußerung seines Unwillens über den offen dargelegten Schmerz seiner Tochter und deren Erzieherin, einer ältlichen ledigen Schwester des Oberamtmanns, die ihm seit dem Tode seiner Gattin Haus hielt.
Im Städtchen sagte man sich allerlei von den Plänen des Oberamtmanns, die dieser Einführung seiner Tochter in die Residenz zu Grunde liegen sollten; man wollte wissen, daß, ehrgeizig, wie er war, der Oberamtmann zum Schwiegersohn sich einen Regierungsbeamten von Familie und Aussichten ansersehen würde; sein bedeutendes Vermögen, verbunden mit Lauras Liebenswürdigkeit, gewährten ihm die Möglichkeit , hochgespannte Forderungen zu stellen — im Stäbchen nannte man mit vieler Bedeutung bereits den Namen eines jungen Expeditionsraths, der, wie man — Niemand wußte woher? — erfahren hatte — viel im Hause der Verwandten de« Oberamtmanns ab und zu ging.
Mochte Laura nun von dem allgemeinen Stadtgeheimniß etwas vernommen haben, oder mochte das eigene Ah-