Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeineu Zeitung.
Är. 307,
£vâtad den 30. December
mm.
Versetzte Liebe
(Fortsetzung.)
Der unglückliche Träumer war in jener Nacht so bewegt, daß er kein Auge schloß in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Wie langsam ihm der folgende Tag Hin- schlich und die ersten Stunden der Nacht, da er den Gang antreten durfte zu der ihm so wichtig gewordenen Stätte, wo der gefangene Perser das köstliche Geheimniß in stiller Brust bewahrte! Endlich schloß sich die Thüre der Gefâugnißzclle auf, aus der ihm das Wort der Befreiung für seine theuren Schützlinge verkündigt werden sollte. Und wirklich, er täuschte sich nicht in seinen Erwartungen ; der Gefangene, nachdem er den unerwarteten Gast mit prüfendem Auge augcschaut und sich überzeugt, daß derselbe nicht aus eitlem Vorwitz, noch weniger in böswilliger Absicht ihn anszuforschen gekommen sei, brachte Philipp um ein Gutes dem gehofften Ziel näher durch die wundersame Geschichte, die er ihm mittheilte, und die also lautete:
„In der urältesten Zeit — so erzählt man sich in meinem Lande — da die junge Erde noch Kraft hatte, neue Thier- und Pflanzengeschlechter zu erzeugen, begab es sich eines Tags, Laß Jrad, der Sohn Thubalkains, des Meisters in allerlei Erz- und Eisenwerk, auszog zu einem Kampfe mit dem Sohn der Naema, welche seines Vaters Schwester war. Nach langem und hartem Streit erlag der Sohn Naemas den tödt- lichen Streichen seines Gegners. Doch Jrad war es nicht genug, den Mann seines Hasses erlegt zu haben, auch dessen Pferd sollte seiner Wuth fallen. Er hieb daher mit allem Grimm seines Herzens ohne Erbarmen und Mitleid auf dasselbe ein. Es sank todesmüde zur Erde nieder, im Sterben aber quoll eine dicke Thräne aus seinem' brechenden Auge, wie man's noch heutigen Tags bemerken kann, wenn das Thier das äußerste Unrecht leidet und sein Auge im Todesschmerz bricht. Kaum hatte diese Thräne den Boden berührt, so sproßte daraus eine Blume, Suscmoth genannt, das heißt verdollmetscht: Pferdetod. An diese Blume aber knüpft sich eine wunderbare Verheißung. Es sollen, heißt cs, in der
Fülle der Zeiten da und dort Menschen geboren mit sonderlichen Gaben und Kräften, mit außerordentlicher und aufopfernder Liebe zur Thierwelt ; diesen werde es geschenkt werden, die Pflanze Susemoth zu erkennen inmitten der andern Kräuter, und wenn sie dann kosten von ihrer Wurzel, soll ihnen weiter die Gabe zufallen, daß sie den Namen der Pflanze hörbar machen können dem Geschlecht der Pferde. Habe aber ein Pferd nur mit dem leisesten Laut dieses Wort vernommen, so schwinde alsbald seine Kraft dahin wie das Gras vor dem Glutwinde, und es sterbe eines sanften Todes in Ruhe und Frieden. Wohl dem, der die überirdische Kraft und Gabe anwendet zum Heil der Thierwelt, aber wehe dem, der damit schnöden Mißbrauch treibt und eigennützigen Gewinn sucht!"
Mis sprachlosem Staunen hatte Philipp die wunderbare Erzählung vernommen und schied mit Worten des Dankes vom Verkündiger der geheimnißvollen Rede. Mit bewegtem Herzen trat er den Rückweg in seine Wohnung an. Er schlief mit dem Gedanken ein, möglichst bald in seine Heimatb zurückzukehren ; denn aller Groll gegen seine undankbaren Mitbürger war aus seiner Seele gewichen und nur Ein Wunsch durchdrang ihn mit unwiderstehlicher Gewalt, im Vaterlande auf den wohlbekannten Triften, in Thälern und auf Bergen, in Wald und Flur der wundersamen Blume nachzugehen und sich auSzustatten mit ihrer Kraft zu Lieb und Dienst der leidenden Thierwelt des heimathlichen Landes. Denn daß er auch einer der anserwählten Segensbringer, jener Susemoth- finder sei, das stand ihm so fest wie der Thurm des Gefängnisses, wo der Gefangene ihm das Segensgeheimniß geoffenbart hatte.
Die Rückkehr in die Heimath ging ohne Aufenthalt und Unfall von statten. Sein erster Gang war zu mir, da ich eigentlich der einzige Mann im Dorf war, der Antheil an ihm nahm und mit dem er ein vertraulich Wort reden konnte. Der Junge hatte in den zwei Jahren seiner Abwesenheit üch vielfach zu seinem Vortheil geändert; er hatte etwas Mannhaftes, Gehobenes bekommen, man fühlte ihm an, daß er zu sich selber ein sicheres Vertrauen gewonnen und nicht umsonst die Welt gesehen hatte. Sein Aenßeres war stattlicher ge-