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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Vr. 306

Donnerstag den 29. December

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Dersetzte Liebe

(Fortsetzung.)

So wichtig diese Erzählung allen Anwesenden erschien, keiner der Zuhörer nahm lebhafteren Antheil daran, als Phi­lipp. Bei Einem Zug des Bildes, das der Fremdling aus fernem Welttheil so eben vor der erstaunten Gesellschaft zur Schau gestellt hatte, war es ihm ganz eigen zu Muthe ge­worben. Er wußte nicht, sollte er sich freuen oder trauern, er war zugleich im Innern gehoben und gedemüthigt; denn daS selbstgefundene und treu bewahrte Geheimniß seines Le­bens, das Kleinod seiner reichen Erfahrungen im Pferdewe- sen, das, wodurch er in seiner Heimath und hier am Gestade des Bosporus auf dem Gestüte seines jetzigen Herrn schon so Großes ausgerichtet und sich vor hundert andern einen Na. men gemacht hatte, war hier auf lautem Markte ausgespro­chen als eine Sache, die sich von selbst verstände. Das war ja seine geheime Knust, womit er die wildesten Pferde zu zähmen und an sich zu ketten wußte, daß er ihnen durch ei­nen Hauch in die Nasenlöcher so zu sagen seinen Geist ein- athmete und sie wie zu Theilen seines Wesens und völlig sich hingehenden Werkzeugen seines Willens uuizuschaffen verstand. Dieselbe Geheimkraft hatten also die Wilden im fernen Ame­rica auch erspäht, und jetzt war dieselbe verrathen vor den Ohren der Menge. So niederschlageud diese Wahrnehmung für Philipp anfangs war, so tröstete er sich doch mit dem Gedanken, daß es denn doch nicht jedem gegeben sei, das Mittel anzuwenden, da nur vertrauter Umgang mit dem Ge­schlecht der Pferde, volle Hingebung an ihre Hut und Pflege und Kenntniß ihrer Eigenthümlichkeiten zu sicherer Handha­bung der genannten Kunst führe. Auf der andern Seite er. freute und erhob es ihn, daß er sein Verfahren so glänzend bestätigt sah, und ein bisher ihm unbekanntes Selbstgefühl verwischte nunmehr nicht allein den anfänglichen peinlichen Eindruck der Sache, sondern gab ihm auch den Muth, in das mit dem Fremdling sich entspringende weitere Gespräch sich zu mischen.

Ein Wort gab das andere, und wie es so geht, daß in 1

einer Gesellschaft nichts ansteckender wirkt, als die Erzählung von ungewöhnlichen, geheimnißvollen Dingen, war mau bald mitten in einer Unterhaltung über die geheimen Kräfte, wo» mit der Mensch auf den Menschen und deßgleichen auf die Thierwelt einzuwirken vermöge. Sympathetische Euren aller Art, Erzählungen aus dem Koran und Mâhrchen alter und neuer Zeit wurden der Reihe nach auf die Bahn gebracht, und nicht bloß die erzählungsgewandten Araber, selbst die schweigsamen Türken betbeiligten sich in ihrer Art an der köstlichen Unterhaltung. Am bedeutsamsten aber war für Phi- lipp eine kurze Erzählung eines alten graubärtigen Türken. Vor Jahren/ sagte er,wurden viele Gefangene aus dem Lande des Aufgangs in unsere Stadt gebracht; darunter war einer, mit dem ich als sein Gefängnißwärter in näheren Ver­kehr kam. Dieser berichtete mir von etwas gar Merkwürdi­gem: bei ihm zu Lande in Persien gebe es Leute, sie seien aber selten zu finden, welche die Kraft besäßen in gleicher Weise wie der Fremdling aus America von einer Geheim- kraft, um Pferde zu zähmen, gesprochen bat durch ein einziges Wort, das sie einem Pferde leise in's Ohr sagten, zu bewirken, daß das Thier sich selber vom Leben zum Tode bringe."

Sobald fich's machen ließ, ohne Aufsehen zu erregen, nahm Philipp den Alten bei Seite und bat ihn, ihm Nähe­res über jenen Gefangenen mitzutheilen, ob er noch lebe, ob er nicht u sprechen wäre u. s. f. Der Türke gab ihm zuerst wenig Gehör, auf immer stärkeres Andringen jedoch sprach er:Was hilft es Euch auch, wunderlicher Junge, wenn ich Euch zu meinem Gefangenen bringe? Er kann Euch auch nicht viel mehr sagen, als ich vorhin erzählt habe. Wenn Euch aber so gar sehr darum zu thun ist, eS von ihm selber zu hören, so kommt morgen in der dritten Stunde der Nacht zu mir, so will ich Eurem Begehr willfahren:"

Kein Mädchen kann den nach jahrelanger Trennung aus fernen Lauben heraneilenden Geliebten, der. sie am andern Tag zum Traualtäre führen soll, mit einem stärkeren Aufruhr der Empfindungen erwarten, als Philipp dem kommenden Tag und der ihm zugesagten Unterredung entgegen sah. Er vcr«