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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Xr. 303, Samstag den 2L December »sm.

Versetzte Liebe.

(Fortsetzung.)

Nun war der Fall eingetreten, wo er von dieser Freund, schäft willkommene Ausbeute hoffen durfte. Kaum hatte un» ser Reisender die Deinigen zu Hause begrüßt und das Noth­wendigste im Berufe besorgt, als er seinen Freund vom Stalle aufsuchte. Er lud ihn auf sein Zimmer, um dort, wie es auch sonst schon vorgekommen war, bei einem Glase Wein mit ihm zu plaudern. Der Doctor erzählte zuerst vom Un­fall mit dem Pferde, nicht ohne Vorwürfe hinnehmen zu müs­sen: er hätte sich denken können, daß man ein altes Thier nicht übertreiben dürfe, bessere Fürsorge im Stalle wäre auch "7M Plâtz gewesen n. dgli Wie war er aber erstaunt, als Jo­hann, ohne eine Andentung vom Weiteren erhalten zu haben, von selbst ganz trocken hinzufügte:Haben die Leute nicht gesagt, das komme vom Susemoth her?"

Susemoth! das ist ja eben das wunderliche Wort, das ich lallte zum erstenmale gehört habe und worüber ich dich eben jetzt ausfrageu wollte. So gib doch sogleich Rede und Bericht, was es damit auf sich hat!"Die Sache kann jetzt doch nicht lange mehr verschwiegen bleiben, die Kinder auf der Gasse sprechen schon davon," erwiderte der Befragte. Aber freilich," fügte er nicht ohne Selbstgefälligkeit hinzu, um genauen Bericht hierüber zu erhalten, hätte der Herr- Doctor sich an Hunderte wenden können und doch nickt» Ge» scheidtes erfahren. Nur der Achmet (das war Johannes ur­sprünglicher Name, den bloß die nächsten Freunde zu wissen sich rühmen durften) kann hierüber sichere Auskunft geben. Und wem möchte ich das Geheimniß meines Lebens lieber mittheilen, als Ihnen, lieber Herr? Ich weiß, Sie werden den rechten Gebrauch davon machen; Sie müssen mir aber etwas länger und in Geduld zuhören "

Nach diesen in fast feierlichem Tone gesprochenen Ein­gangsworten begann er nachfolgende Erklärung.

Bor etwa zwanzig Jahren ward ich tief hinten im Un­garlande mit einem rüstigen Burschen bekannt; erzählte dazu­

mal beiläufig fünfundzwanzig Jahre. Man hieß ihn den ro­then Philipp, weil er brennend rothe Haare hatte. Er war sonst ein schmucker Junge, schlank und groß gewachsen; auch zeigte sich an ihm keine Spur von Bösartigkeit, wie's die böse Welt gerne den Rothhaarigen nachsagt, offenbar mitUn- ! recht, was auch Philipps Geschichte beweist. Dieser mein Freund war, so lange er sich denken konnte, zum Pferdehüten verwendet worden. Die Eltern waren ihm frühe gestorben und seine Verwandten konnten nichts für ihn thun, daß er sonst etwas gelernt hätte. Zwar fehlte es ihm nicht an sei­nem guten Verstand, zudem hatte er von seiner Mutter ein zartes Gemüth und edlen Sinn geerbt und viel Gutes, Frömmigkeit und nachdenksames Wesen gelernt. Verstand er von andern Künsten tr£ ÄckrnS wenig oder gar nicht-, so wurde er dagegen in seinem Fach bald Meister und ein Ausbund von Geschicklichkeit. Im Reiten und Fahren, so­wie in der Behandlung der Pferde that er es schon im achtzehnten Jahre allen seinen Kameraden zuvor und machte, was doch schon viel heißen will, selbst in seiner pferdereicken Heimath von sich reden. Denn, daß ich das auch noch sage, derselbige, war nicht allein vollkommen bewandert im Gewöhnlichen, und selbst in Reiterkünsten, wie man sie sonst nur auf der Reitbahn oder bei Kunstreitern sehen kann: es war bei ihm noch ein besonderer Umstand zu bemerken. Auch das wildeste Pferd konnte er nach wenigen Tagen len­ken wie ein Lamm; er kannte alle seine Thiere von innen und von außen, wie ein Bruder den Bruder; ja manche wollten behaupten, er verstehe ihre Sprache. Er redete we­nigstens ganz. so mit ihnen, wie man mit einem Menschen spricht. So zutraulich, denke ich mir, muß es im Paradies hcrgegangeu sein zwischen Menschen und Thieren ; aber auch jetzt noch, das sage ich Ihnen, versteht die bessere Crcatnr die Stimme und Sprache des besseren Menschen."

3$ hab' auch schon derlei gehört," unterbrach der Doctor mit angenommenem Ernst seinen Berichterstatter.Daß dem so sein muß, zeigt auch eine Geschichte, womit einer meiner

j Freunde uns schon so oft belustigt hat. Ein Fuhrmann * kommt eines Tags mit einem schweren Fuhrwerk an eine Zoll-