Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Sr. 300 Mittwoch den 21. December /sw
Eine Uhapsodie aus dem baierischen Erbsotgekriege.
(Fortsetzung und Schluß.)
Der Russe war über das Gehörte sichtlich und ernstlich betrübt. Dennoch sagte er nach kurzem Bedenken : Herr Graf, ich bedauere, auf solche Hindernisse beim Ueberreichen eines einfachen Briefes an Ihren König, zu stoßen. Nichtsdestoweniger will eS meine Pflicht, daß ich diesen Brief unmittelbar in die Hände Ihres Monarchen lege. Sind Sie also nicht Willens oder außer Stande, mich bei Sr. Maj. einzuführen, so bin ich fest entschlossen, es koste was es wolle, mich selbst einzuführen.
Der Blick des Königs Friedrich ist das einzige, was eines seiner Soldaten fürchtet! hatte der Graf gerade noch Zeit anzudeuten, als die Lagerwache in'S Gewehr rief. Aus seinem Zelte trat der alternde König, der historische Schim- mel wurde vorgeführt und der große Mann war eben im Begriff den Fuß in den Bügel zu setzen, als der Russe mit kühnem Schritte hervortrat nnv mit Entschlossenheit die Worte aussprach: Sire, ich bitte um wenige Augenblicke Gehör!
Wer ist der Mann? sagte Friedrich, indem er mit drohendem Blicke um sich schaute und wie konvulsivisch seinen Krückstock erhob.
Es ist der russische Gesandtschaftssecretär, von dem ich Ew. Majestät beim Aufstehen sprach, erwiederte ehrerbietig Graf Schmettau.
Hat Er ihm nicht gesagt, was ich Ihm auftrug?
Mein Herr! sagte er zu dem Russen gewendet, es ist gewiß nicht der Wille der. Kaiserin Katharina, daß man mich so zu sagen anfällt wie mit Gewalt. Was wollen Sie von mir?
Ehrfurchtsvoll, aber entschlossen, sagte der Fremde: Ich habe die strengste Weisung, einen Brief unmittelbar in die Hände Ew. Majestät zu legen, und da es mir nicht gelang auf dem gewöhnlichen Wege Audienz zu erlangen, so wählte
ich diesen, selbst auf die Gefahr hin, mir die Ungnade des Königs von Preußen zuzuziehen.
Sehr kühn, in der That, für einen Mann, der keinen Säbel trägt, meinte der König. Aber um dieser Kühnheit willen will ich den Brief annehmen. Man folge mir in mein Zelt!
Vor Allem Ew. Majestät, sagte der Russe, als er sich mit dem Könige allein sah, bitte ich um Verzeihung, daß ich unter fremdem Namen Hicher gekommen bin.
Sie sind also kein Russe?
Die Kaiserin Königin ist meine Gebieterin und Freiherr v. Thugut ist mein Name. Dieses eigenhändige Schreiben meiner angebetenen Monarchin Maria Theresia, welches ich Ew. Majestät zu übergeben habe, ist ohne Vorwissen ihres Sohnes, des Kaiser Joseph geschrieben. Sie hat mir ausgetragen, Ew. Majestät mündlich zu wiederholen, daß diesen Brief nicht die Kaiserin an der Spitze zweier von ihren Söhnen geführten Heere, sondern die Mutter geschrieben habe.
Lautlos erbrach der König das kaiserliche Schreiben, und seine Züge wurden weicher und milder, je mehr er an's Ende kam.
Baron Thugut, sagte er mit Wärme, der Brief Ihrer vortrefflichen Monarchin hat das Innerste meiner Seele getroffen. Sie wünscht die abgebrochenen Unterhandlungen wieder anzuknüpfen und zu Ende zu führen; in ihrem Alter sehnt sie sich nach Ruhe, wie sie sagt, und ihr mütterliches Herz fühlt große Bekümmerniß über das Schicksal zweier ihrer Söhne *) und eines geliebten Schwiegersohnes **), die sich bei der Armee befinden.
Versichern Sie vorläufig die Kaiserin-Königin von meiner. Bereitwilligkeit zur Wiederaufnahme der Unterhandlungen und betheuern Sie ihr, ich würde einstweilen solche Maßregeln ergreifen, daß die Kaiserin über das Schicksal ihrer theuern Angehörigen unbesorgt sein könne. Auch ich bin alt', lieber Baron, und der Ausgang eines begonnenen Krieges liegt
*) Kaiser Joseph und der Gwßherzog von Toscana, nachmaliger Kaiser Leopold II.
**) Herzog Albrecht von Sachsen-Teschen.