Endlich ging die lange, lange Nacht zn Ende und der zweite Tag brach an, ohne in ihrer Lage etwas zu ändern. Sie waren jetzt vierzig Stunden ohne Nahrung gewesen und der Hunger stellte sich mit Macht ein — der schreckliche Vorbote deS fürchterlichen Hungertodes. Der einzige von der Gesellschaft, der jetzt schlief, war Lord Byron. Mit Tagesanbruch wurde auch sein starker Geist angegriffen, und er versank in einen unruhigen und wenig erquickenden Schlaf. Die Uebrigen standen am Ufer, ihre Augen auf's Aeußerste anstrengend, um Rettung zu entdecken.
Plötzlich schien ein ganz kleiner Fleck am fernen Horizont sichtbar zu werden. Er war so klein und so undeutlich, daß er eine kleine Wolke oder auch ein Gebilde der Phantasie hätte sein können. Der Gondelier mit dem guten Auge bemerkte ihn zuerst. Ein Anderer konnte ihn nun auch unterscheiden , dann der Dritte und endlich Graf G —. Er wurde allmälig größer; Alle konnte sie ihn jetzt wahrnehmen. Etwas war sicherlich da, das war außer Zweifel, aber was konnte es sein?
Eine lange Zeit — wenigstens kam sie ihnen lang vor — dauerte die Ungewißheit, und doch wurden sie von freudiger Hoffnung belebt, Ein Fahrzeug war eS jedenfalls; es nahte, und schien sogar auf die Insel loszusteuern. Die Contessa ging zu Lord Byron und weckte ihn.
„(Sie haben die Prüfung befskr wie wir Alle ertMen," sagte sie, „obgleich ich noch jetzt glaube, daß Ihre Gleichgültigkeit nur eine erkünstelte war, um uns Muth und Hoffnung einzuflößen. Aber sie können jetzt die Maske fallen lassen und brauchen sich nicht über die Freude, gerettet zu sein, zn schämen. Wohl sagten Sie gestern wahr: So lange man lebt, ist Hoffnung vorhanden, oder wie unser Sprüchwort lautet: L’ultima ehe si perde è la speranza!“
„Ist etwas zu sehen?" fragte Lord Byron mit der größten Ruhe. Diese war vielleicht auch erkünstelt.
„Ja, die Rettung naht!"
„Ganz sicher?"
„Wenn ich dessen nicht gewiß wäre, hätte ich Sie nicht geweckt. Ein Fahrzeug steuert gerade auf die Insel zu."
Er sprang auf, reichte der Contessa den Arm und führte sie nach dem Strande, wo die andern harrten. Es kam immer näher und näher, und erwies sich als eine sechs- ruderige Galeere mit dem treuen Cyclops, der am Steuerruder saß.
Also war er mit seinem Faß doch nicht umgeworfen und verunglückt! Nein, die Entfernung und ihre Furcht hatte sie getäuscht. Die Strömung und der Wind hatten den kühnen Schiffer nach einer der bewohnten Inseln in der Richtung von Ragusa getrieben. Es war allerdings eine lange Fahrt, «Hein mit Geduld und Beharrlichkeit überwand er alle Schwie
rigkeiten, und als er endlich ankam, setzte er die Insulaner in nicht wenig Erstaunen über sein eigenthümliches Fahrzeug. Sein erstes Geschäft war, ein Boot zu miethen und Lebensmittel zu kaufen, womit er gleich wieder in See ging, um die Zurückgelassenen zu retten.
Die Galeere wurde am Ufer festgebunden — mit größerer Vorsicht, als man bei der Gondel gebraucht hatte — und Cyclops sprang unter den Danksagungen und Belobungen der Geretteten mit einem großen Korbe von Lebens- mittel ans Land.
„Gott fei gelobt, daß wir nicht bestimmt sind, hier auf dieser Insel durch Hunger umzukommen !" sprach die Contessa leise zu Lord Byron. „Es wäre ein fürchterliches Schicksal gewesen, von der Welt ganz abgeschnitten!"
„Mir ist vielleicht ein schlimmeres Loos beschieden", antwortete er. Hier waren wir wenigstens mehrere beisammen, wenigstens lauter gute Freunde, und würden so in guter Gesellschaft gestorben sein. Möglich, daß ich als einsam Exilir- ter — von Allen entfernt — sterben werde.
„Verbannen Sie solche finstere Gedanken! Das wäre allerdings ein trauriger Schluß einer so glänzenden Laufbahn, wie die Ihrige I"
„Traurig genug, allerdings, doch dem Uebrigen entsprechend! sägte er mit seinem melancholischen Lackeln untr führte sie zu dem Fahrzeuge, welches bald darauf in See stach und sie alle in Sicherheit an der wohlbekannten Küste landete.
• * »
Es ist gar nicht lange her, daß ein alter Mann mit schnec, weißen Haaren in Italien lebte, der in jünger» Jahren Gon- dotier gewesen war. Er hieß Cyclops, — wenigstens unter diesem Namen war er bekannt, weil er nur ein Ange hatte, Es war eine Lust, neben ihm im Freien zu sitzen, und ihn plaudern zu hören. Er wußte unzählige Anecdoten von dem großmüthigen englischen Lord zn erzählen, der vor vielen Jahren so lange in Ravenna gelebt hatte. Sodann suchte er den Fremden zu bereden, ihn nach dem Gestade zn begleiten, wo er ihm mit Stolz und Entzücken eine schöne Gondel zeigte. Sie hatte freilich ihre besten Tage schon lange hinter sich, die Oelfarbe und die Vergoldung daran waren nicht mehr glänzend , aber eS gab eine Zeit, wo sie als Blume unter den Gondeln des Adriatischen MeereS bekannt war. Sie wurde für Rechnung des Lord Byron gebaut und von diesem dem Cyclops zum Geschenk gemacht. Auch hatte der Lord schon den Namen in Bereitschaft. Sie wurde getauft: „ Das Wasserfaß."