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Der Wanderer. --- «ein -- Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Hr. 299. Dienstag den 20 December /s«

Das UZafferfast.

(Etne Episove aus dem Leben des Lord Byron.)

(Schluß.)

Auf einer MooSbank ruhte die Contessa von Hunger und Müdigkeit überwältigt und in Schlaf versunken. Sie sah kalt und blaß aus. Lord Byron stand still als er in ihre Nähe kam, betrachtete sie eine Zeitlang und neigte sich zu ihr, um sich zu überzeugen, ob sie wirklich schlummere. Keine Mus- kelbcwegung störte die Ruhe ihres Schlafes und nur das re­gelmäßige Athemholen verrieth, daß sie lebte. Plötzlich flog ein Seevogel über ihren Köpfen weg, eine gellende Pfeife in seinem Fluge ausstoßcud. Das Geschrei störte die Ruhe der Contessa; sie fuhr zusammen, schüttelte sich wie vor Kälte und erwachte.

Was war das?" fragte sie.

Nichts als das Geschrei eines Seevogels," antwortete er mit beruhigender Stimme.Es thut mir leid, daß es Sie weckte, denn Sie schliefen fest." .

Und ich war mitten in einem himmlischen Traume, denn mir dâuchte, als wären wir gerettet. Ich träumte, wir seien alle glücklich nach Ravenna zurückgekehrt und säßen vergnügt in Ihrer Villa. Es muß auch Grund vorhanden gewesen sein, vergnügt zu sein, denn wir lachten und scherzten. Und Cyclops saß neben uns, saß, als wenn er zu uns gehörte, und las lachen Sie mich nicht aus las eine Ihrer un­förmlichen Zeitungen."

Lord Byron lachte indessen nicht; er war nicht dazu auf­gelegt. Die Gedanken, welche ihn bisher beschäftigt hatten, waren ernster und trauriger Art.

Glauben Sie an Träume?" fuhr er fort.War der Meine ein gutes oder ein böses Omen? Wird er zur Wirk­lichkeit oder nicht?"

Jetzt spielte ein schwaches Lächeln auf seinen feingeformten Lippen.Solche Träume haben keine Bedeutung," antwortete er.Es war nur die Wiederholung der Gedanken, denen Sie, ehe Sie einschliefen, sich hingegeben hatten. DaS, was Sie

wachend so sehnsüchtig wünschten, war nur im Traume adg«» spiegelt und mit verflochten."

Ich habe Sie sagen hören, daß die Gedanken, welche Einen bei Tage beschäftigen, einen Einfluß auf die Träum« ausüben.Ist dem wirklich so?"

Ohne Zweifel- vorausgesetzt, daß der Gegenstand b«- sonders wenn er trauriger Art unsere Gedanken ununttr. brochen und gänzlich beschäftigt; wenn er auf unserem Herzen wie ein Alp liegt, es erdrückend, zusammenziehend, verzehrend; wenn er keinem Wesen mitgetheilt, von Niemand geahnt wird : alsdann stehen unsere nächtlichen Träume allerdings unter der Herrschaft der Gedanken, die uns den Tag über lebhaft beschäftigten."

Haben Sie diese Erfahrung gemacht?"

Im höchsten Grade. In meiner Jugend machte ich di« bitterste Erfahrung, die der Mensch zu machen fähig ist7 die der unerwiderten Liebe! Das Mädchen, zu dem ich mich mit der ganzen Gluth eines leidenschaftlichen Herzen hinge» zogen fühlte, blieb kalt, theilnahmlos, abstoßend. Mein Selbst« gefühl und männlicher Stolz erlaubten mir nicht, mein Leiden Andern mitzuthcilen. Ich verschloß cs in meinem Herzen, kein Mensch hat es vor dieser Stunde auch nur im Entfern­testen geahnt; aber unmöglich war es wir, ihr Bild aus mei­nem Herzen zu entfernen und Jahre hindurch habe ich all­nächtlich von ihr geträumt!"

Mein armer Freund! Von der Natur so reichlich aus- gestattet, mit solchen glänzenden Talenten begabt, mit Rang, Jugend, Gesundheit prangend , von der Welt bewundert und beneidet und doch einen nagenden Wurm im Herzen! El ist traurig!"

Sprechen wir nicht weiter darüber. Ich habe mein Kreuz ganz allein getragen und werde es auch noch bis zu meinem Grabe tragen können. Ost bilde ich mir aber ein, wenn ich Mary Ann Chaworth nicht gesehen, ich wäre ein ganz anderer Mensch geworden."

Ueberwâltigt von seinen Gefühlen, brach er das Ge» spräch ab und sing seine einsame nächtliche Wanderung, wieder an.