Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Ar. 297
Samstag den 17. December
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Das Was scrfa^.
(Eine Episode aus dem Leben des Lord Byron)
(Fortsetzung.)
Lord Byron begriff augenblicklich die volle Bedeutung der Worte, und das Unangenehme, ja möglicherweise das Gefährliche ihrer Lage. Mit weniger Galanterie, als er in einem ruhigern Augenblicke sich gestattet haben würde, warf er den Arm der Contessa von sich, und flog nach dem Strande, von den beiden Andern gefolgt. Er überzeugte sich von der voll- kommenen Wahrheit der überraschenden Nachricht. Dort schwamm die Gondel, kaum noch zu sehen, und trieb mit günstigem Landwinde immer weiter und weiter nach dem tief» blauen Horizonte hinaus Die vier Gondoliere standen wie angewurzelt und starrten stillschweigend und bestürzt einander inS Gesicht. Lord Byron redete sie an.
„Wer hat das gethan ?" begann er. „Wer von Euch hat die Gondel treiben lassen
Ein Schwall von Ausrufen, Verneinungen, Geberden und Protestationen unterbrach ihn. Ganz natürlich, „Niemand" hatte es gethan. „Niemand" muß immer in solchen Fällen die Schuld tragen. Jeder der Gondoliere hatte das Boot fest gebunden und ganz besonders nachgesehen, um sich von ihrer Sicherheit zu überzeugen. Einige sprachen mit sotto voce, indem sie andächtig ein Kreuz schlugen, ihre Privat« Meinung dahin aus, daß Niemand anders ihnen den Possen gespielt haben könne, als — il diavolo.
„Ganz richtig", sagte Lord Byron mit seinem ihm eigenthümlichen spöttischen Lächeln auf den Lippen, „Sie haben ihn herbei gerufen, G —, Sie, der seine Gesundheit getrunken!"
„Es wäre viel vernünftiger, zu überlegen, was wir jetzt zu thun haben, als schlechte Späße zu machen", brummte der Graf halb für sich und halb laut.
Da brach Lord Byron in ein lautes, herzhaftes Lachen aus, nicht über den Grafen, sondern über den Marquis, der jetzt von ihrer sonderbaren Lage, die ihm Zähneklappern verursachte, in Kenntniß gesetzt war.
„Ah, gran Cielo!" rief er aus; wir werden diese Insel
nie verlassen können — müssen hier verhungern, denn wir haben nichts zu essen. Maledetta Gondola! Mylord, was ist zu thun?"
Lord Byron antwortete nicht, aber wer ihn näher kannte, hätte es aus dem düstern Auge und aus der gefalteten Stirn leicht Das lesen können, was in seiner Seele vorging. Dunkle Vorstellungen von Hunger stiegen bei ihm aus und dehnten sich sogar auf die Möglichkeit des Verhungerns aus. Ihre Lage war allerdings unangenehm und nicht ohne Gefahr. Da sie auf einer unbewohnten Insel sich befanden, während die Mittel, sie verlassen zu können, ihnen abgeschniiten waren, blieb ihnen nur die Hoffnung, daß ein zufällig vorbeisegelndes Schiff sie befreien würde — vielleicht eine andere flanirende Lüstpartie. Allein bei näherer Ueberlegung fühlten sie, daß diese Hoffnung eine sehr schwache sei, und daß Wochen vergehen könnten, ehe ein solcher Fall eintrete. Lebensmittel befaßen sie gar nicht, und eben so wenig andere Kleidungsstück« als sie gerade an hatten. Alles, was ihnen von Nutzen hätte sein können, war unglücklicherweise kurz vor der Katastrophe in die Gondeln gebracht worden — Flinten, Äugeln, selbst die Shawls der Contessa.
„Können Sie kein Mittel angeben, uns aus dieser unseligen Lage zu befreien?" wiederholte der Marquis, zu Lord Byron gewendet, von dem die ganze Gesellschaft wie nach einer stillschweigenden Uebereinkunft Rettung zu erwarten schien.
„Es gibt keine Rettung," sagte einer der Gondoliere. „Wir können nichts thun, als abwarten, bis ein Schiff sich zeigt, und wenn keins vorbeikommt, müssen wir hier Hungers sterben."
Lord Byron wandte sich zu d^en Bootsleuten und sprach ihnen mit gelassener Stimme Muth zu. „Seid ruhig Kinder" , sagte er, „und verliert die Hoffnung nicht! Jetzt ist die Zeit, Eueres Sprüchworts zu gedenken: Asutata, e Dio t’asutero!"
Der Marquis war der Erste, einen Vorschag zu machen. ’ Man sollte ein Floß erbauen, stark genug, eine Person zu tragen, die dann Hülfe Herbeirusen sollte. Der Vorschlag