Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Vtassauischeu Allgemeinen Zeitung.
tr. 296,
/reilag den 16. December
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Dao rUaffèrsaß
(Eine Episode aus dem Leben deS Lord Byron.)
(Fortsetzung.)
Unterdessen ging die Fahrt ziemlich rasch von Statten, und die Gondel durchschnitt das tiefblaue Wasser des adriatischen Meeres unter dem kräftigen Ruderschlag der vier Gondoliere. Nach einer Weile kamen sie ohne allen Unfall an das Ziel der Tages rcifè — die von den Leuten gewählte Insel, die sie als la bella isota bezeichneten, in Ermangelung eines bestimmteren Namens Es war auch in der That eine schöne Insel. Kaum eine halbe Stunde im Umfang und unbewohnt, enthielt sie alle Bestandtheile einer romantischen Ge- Dd — Felsen, Wald, einen Bach, saftiges, sammtähnliches GraS; das Ganze prangte im höchsten Glanze des SommerS, von dem italienischen Himmel beleuchtet.
Die Gondel wurde an dem Ufer vorsichtig befestigt, und die Gesellschaft landete. Lord Byron sprang mit einem Satze aus dem Boote und reichte der Contessa die Hand/ um ihr beim AuSsteigen behDich zu sein. Die mitgebrachten Sachen wurden von den dienstbaren Gondoliere» an'S Land gebracht, darunter zwei ziemlich große Körbe — der eine mit kalter Küche, der andere mit Wein gefüllt — Flinten, Fisch, apparativ ein paar Bücher, das Skizzenbuch der Contessa und Lord Byron's englische Zeitungen und Recensionen, auch ci- nige Shawls für die Dame (denn man konnte sich ja leicht bis in die Nacht hinein verspäten) endlich ein ziemlich gro^ ßes Faß mit frischem Wasser, obgleich ein sprudelnder Bach auf der Insel sich befand. Doch konnte Cyclops das vorher nicht wissen, und er war vorsichtig genug, auf einen Vorrath Wasser bedacht zu sein. Alles wurde aus der Gondel an'S Land gebracht und diese sorgfältig an einen Baum am Ufer festgebnndcn.
> Die Gesellschaft zerstreute sich in verschiedene Richtungen. Graf G. wollte angeln. Der MarquiS und der Franzose nahmen ihre Flinten, um zu sehen, was für Wild auf der Insel sei. Die Contessa hatte eine reizende Parthie entdeckt 1
und wollte sie in ihr Skizzenbuch zeichnen. Lord Byron la- gerte sich zu ihren Füßen im Grase und war bald in seine Zeitungen versunken.
Zu der verabredeten Stunde versammelte sich die sichre Gesellschaft am Eingang einer kleinen schattigen Felsengrotte, wo Cyclops den Tisck gedeckt hatte — wenn unter solches Umständen eine große Felsplatte diesen Namen verdient. DaS! Mittagsmahl war heiler; jeder hatte einen guten Appetit mih gebracht und Cyclops möglichst Sorge dafür getragen, daß el befriedigt werden konnte.
„WaS haben die Herren für Glück auf der Jagd gehabt?^ fragte Lord Byron.
„Leidliches!" erwiderte der Marguis.
„Wo ist aber der Ertrag geblieben?"
„Alles schon in der Gondel!"
„Und die Fische?" fragte er dann weiter zum Grafen gewendet.
„Auch nickt Einen fing ich. Sie wollten heute gar nicht aubeißen. Ich hatte wahrscheinlich nicht die rechten Fliegen gewählt."
Der Wein war vorzüglich und Cyclops hatte die Flaschen in den kühlen Bach gestellt. Lord Byron füllte sein Glas und rief: „Einen Toast, ehe wir das Boot besteigen!"
„Es gebe Jeder feinen Toast, und wir wollen sie alle auf einmal trinken," meinte Graf G—.
„Ein vortrefflicher Einfall! Bravo, Bravo!" erscholl ei von allen Seiten. MaiquiS, sangen Sie an!"
„Ich? Beim heiligen Stuhl, ich weiß keinen Trinkspruch. Nun ja doch; Ein angenehmer PikuikE
Man lachte.
„Nun Monsieur, die Reihe ist an Ihnen!"
„La France, la belle France!“ rief der Franzose, indem er zum sichtbaren Zeichen seiner Vaterlandsliebe seine Augen nach oben wandte, aber sie zugleich so verdrehte, daß nur daS Weiße noch zu sehen war.
„11 diavolo!“ sprach der Graf, als an ihn die Reihe kam.
„Zur Ordnung, zur Ordnung!" rief Lord Byron.
Ich habe das Recht, meinen Trinkspruch zu wählen,"